Es braucht Reflexion über Gott und den Menschen
Warum braucht es eine Theologische Fakultät in Luzern?Nicht erst seit dem Abtritt des Rektors der Universität Luzern, Rudolf Stichweh, flammt die Diskussion über die Theologischen Fakultäten der Schweiz immer wieder auf. Braucht es wirklich drei Katholische Fakultäten (Chur, Luzern und Freiburg)? Und ist Luzern nicht zu klein, um alleine zu überleben, wie dies Stichweh gegenüber den Medien gesagt hat? Nun melden sich die Gegenstimmen: Theologie an der Universität habe Zukunft – gerade auch in Luzern.
Zusammenlegen, verkleinern, aufheben ... solche Forderungen werden regelmässig laut: Die effiziente Mittelnutzung wird zum einzigen Kriterium erhoben. Ja: Der Staat muss seinen Mitteleinsatz gut abwägen. Dann ist die inhaltliche Frage entscheidend: Was spricht für eine Theologische Fakultät in Luzern?
1. Theologie ist geisteswissenschaftliche Ausbildung auf der Grundlage christlicher Kultur,
unter Einbezug persönlicher Auseinandersetzung. Theologie leistet Reflexion über Gott und das Göttliche, also über Religion. Ein Verzicht auf die religionswissenschaftliche Aufarbeitung des Phänomens «Religion» ist nicht geboten, ebenso wenig auf die Theologie, die Person und Position des Menschen in einen existentiellen Dialog zum Göttlichen stellt. Damit leistet sie einen entscheidenden Beitrag dazu, christliche Religion konstruktiv in dieser Gesellschaft und erfüllend für die Menschen zu leben. Über diese gesellschaftsstärkende Dimension bestehen heute kaum mehr Zweifel. Der Grossteil auch der Schweizer Universitäten ist aus Theologischen Instituten herausgewachsen.
2. Theologie hat gesellschaftliche Bedeutung.
Denn was sie generiert, prägt auch die Gesellschaft. Der Ort der Fakultät an einer kantonalen Universität ist die Folge entsprechender Erkenntnisse und Erfahrungen. Die Luzerner Fakultät engagiert sich auch in einem Masterstudiengang «Religion – Wirtschaft – Politik» und veranstaltet ein Masterstudium «Religionslehre». Dass etwa die Hälfte der Diplomierten in einen kirchlichen Dienst treten, ist kein Gegenargument, sondern sollte die öffentliche Hand in ihrer Sorge um die Gesellschaft zusätzlich für ein entsprechendes Engagement motivieren.
3. Theologie wird im Kontext getrieben.
Sie kann weder globalisiert noch entregionalisiert werden. Sie ist in das Umfeld eingewurzelt, beeinflusst von der Denkstruktur, der Geschichte und der Glaubensbiographie ihres Raumes, denn sie geschieht für und mit konkreten Menschen. Theologie in Luzern hat ein anderes Profil als jene in Fribourg, in Chur und in Lugano. Wollte man daraus eine einzige (deutsch-)Schweizer katholische Theologie machen, wäre dies Kulturverlust und Verzicht auf die Ausstrahlung, die sie auf ihr Umfeld hat. Denn eine theologische Fakultät bringt durch die Tätigkeit ihrer Mitglieder in Staat, Gesellschaft und Kirche Impulse und Wissen in den Lebensraum vor Ort ein.
4. Für die Theologische Fakultät in Luzern sprechen auch mit Zahlen belegbare Argumente:
Sie ist die älteste katholisch theologische Institution auf akademischer Ebene; sie hat unter den katholischen Fakultäten den weitaus höchsten Frauenanteil unter den Studierenden (fast 60%) und unter allen theologischen Fakultäten des Landes die höchste Professorinnenquote (über 50%).
5. Zu Recht wird man diese Entwicklung gegen den Trend als Ausweis ihrer Attraktivität interpretieren.
Mit einer offenen Theologie auf der Grundlage des letzten grossen Konzils ist sie ausgewogen in der Verpflichtung gegenüber der kirchlichen Tradition und offen für die Zeichen der Zeit. Sie ist mit ihrer theologischen Kompetenz Mitarbeiterin in der Schweizer Kirche auf allen Ebenen. Sie ist in Forschung und Lehre (inter)national vernetzt und bildet so im buchstäblich «katholischen» (also umfassenden) Sinn eine Drehscheibe für Vorstellungen und Visionen über Gott und Welt, Mensch, Leben, Zukunft.
Es braucht diese Fakultät nicht nur für die Kirche des Bistums Basel; es braucht sie für Luzern, für diese Region, für dieses Land.
Prof. Walter Kirchschläger
■ Hinweis: Am 5. September 2010 wird das Opfer für die Theologische Fakultät Luzern erhoben.
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Walter Kirchschläger, geb. 1947 in Österreich, seit 1982 Prof. für Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät in Luzern; Rektor, bzw. Dekan der Fakultät von 1990 bis 1993 und 1997 bis 1999; Gründungsrektor der Universität Luzern 1997-2001.
Luzern hat die einzige Theologische Fakultät, die in den letzten 20 Jahren Studierende nichtverloren, sondern kontinuierlich und erheblich (seit 1990 plus 40%) gewonnen hat.
Bilder: Universität Luzern



