Wer glaubt schon an Visionen?
Propheten – das wusste schon Jesus – haben ein schweres Los gezogenNeben den fünf Büchern des Mose, den Büchern der Geschichte des Volkes Gottes, den Büchern der Lehrweisheit und den Psalmen gibt es im Alten Testament auch die Bücher der Propheten. Jesaja, Jeremia und Jona sind bekanntere Propheten, während viele Menschen Nahum und Zefanja noch nicht begegnet sind. Diesen Menschen ist im 2009 die Reihe «Sprüche der Propheten» gewidmet.
Eine Gebetsgruppe betet Psalmen. Feierlich brennen Kerzen in ihrer Mitte, und der Duft frischer Blumen verbreitet sich im Raum. Die Worte der Betenden hallen im hohen Gewölbe. Plötzlich erhebt sich ein Mann mit eleganten Bewegungen und holt sich die Aufmerksamkeit der betenden Menschen. Kreisende Bewegungen weisen in Richtung Tabernakel und in die Höhe. «Gott hat mir eine Botschaft für euch gegeben», sagt der Mann ganz ernst.
Stirnen runzeln sich, und jemand kratzt sich hinter den Ohren. Was soll denn das, geht vielen durch den Kopf. Der Mann kommt in Fahrt. Er legt eine Performance hin, die jeden Schauspieler ehren würde, und er wirbt um die Aufmerksamkeit der Anwesenden. Doch die Unruhe in der Gebetsgruppe steigt, und der Mann realisiert, dass es wohl besser wäre, wenn er sich wieder hinsetzen und schweigen würde. Er resigniert und geht an seinen Platz. Nach einem betretenen Schweigen erhebt sich eine Frau und geht zum Ambo: «Wir hören aus dem Buch des Propheten Jeremia.»
Der Gottesdienst ist schon lange um, und der Mann sitzt in sich gekauert auf einer Bank und ruft plötzlich laut: «Die Geschichten alter Propheten wollt ihr hören, doch steht einmal einer mit einer Botschaft vor euch, dann wollt ihr ihn nicht mehr hören! Typisch Christen!» Ungehört verklingt die Klage in der nun leeren Kirche – und keiner hat die Botschaft gehört.
Propheten leben von ihren Hörerinnen und Hörern
Biblisch gesehen ist ein Prophet ein Mensch, den Gott zu seinem Sprecher gemacht hat – es geht also nicht primär um jemanden, der die Zukunft kennt, sondern um einen Menschen, der sich im Auftrag Gottes an andere wendet. Bei der Prophetie braucht es immer einen oder mehrere Adressaten. Und die sind in ihrem Hören frei und eigenwillig.
«Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.» Mk 6,4
Alle Evangelisten zitieren Jesus, der darüber klagt, dass ein Prophet in seiner Heimat nicht viel gilt (Mt 13,57; Lk 4,24; Joh 4,44). Doch war dies auch vor 2000 Jahren nicht eine neue Erscheinung für Propheten, auch Mose kannte das Problem. Mose hatte zwar Glück, Gott gab ihm einen Stab mit auf den Weg zum Pharao, ein Zeichen seiner Beglaubigung. Der Stab verwandelte sich in eine Schlange, wenn Mose ihn zu Boden warf, und wurde beim Ergreifen wieder zu einem Stab (Ex 4f). Doch der Pharao hörte trotz Stab und Schlange, trotz den zehn Plagen nicht auf den Propheten aus dem Volk Israel. Sein Herz war verhärtet (Ex 4,21; 7,3).
Die Bücher der Propheten
«Wenn du dort in die Stadt hineingehst, wirst du eine Schar von Propheten treffen, die von der Kulthöhe herabkommen, und vor ihnen wird Harfe, Pauke, Flöte und Zitter gespielt. Sie selbst sind in prophetischer Verzückung.» 1 Sam 10,5
In der Frühzeit des Volkes Israel war das Prophetentum mit ekstatischen Erscheinungen verbunden (vgl. 1 Sam 10,5–12), und die Propheten traten oft auch in Gruppen auf. In der Königszeit gab es dann ein Berufsprophetentum. Diese Beamten wirkten in Tempeln und in speziellen Heiligtümern. Im Gegensatz zu diesen eher volksnahen Berufspropheten standen im 8. bis 6. Jahrhundert vor Christus unabhängige Propheten, die im Namen Gottes auftraten und die herrschenden Zustände in Israel aufs Äusserste anprangerten. Selbst der Tempeldienst wurde von ihrer scharfen Kritik nicht ausgenommen.
Die letzten Bücher im Alten Testament bewahren Worte dieser aufmüpfigen Propheten, die die Entartung des Glaubens und des Gottesdienstes anprangerten, die die Katastrophe und den Weltuntergang verkündeten; dabei aber auch wieder einen anderen Gott kennenlernen mussten. Dem zornigen Propheten Jona, der sich von Gott verulkt vorkommt, offenbart Gott auch barmherzige Seiten:
«Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die grosse Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können – und ausserdem so viel Vieh?» Jona 4,11
Zeugen eines leidenschaftlichen Gottes
Heutige Leser haben oft Mühe mit den Büchern der Propheten. Die harten Mahnungen und Gerichtsandrohungen scheinen mit der Haltung Jesu wenig gemeinsam zu haben. Die Liebe bleibt auf der Strecke. Vergebung und Versöhnung scheinen oft gar nicht möglich zu sein. Da wird reingehauen und zerstört, wie man es in modernen Rächerfilmen visuell vorgeführt bekommt.
Der Stachel bleibt – auch für uns heute. Doch kann man darin auch die Geschichte zwischen einem leidenschaftlichen Gott und einem abtrünnigen Volk sehen. Ständig ist dieser Gott am Werben und Poltern, dass seine Geliebten zu ihm zurückkehren und ihn als ihren Gott anerkennen. Mag sein, dass ein solches Gottesbild fast etwas zu menschlich wird, doch aber auch verständlicher – hin zu einem Gott, bei dem es um echte und leidenschaftliche Beziehung mit seinen Geschöpfen geht. Der nichts zurücknimmt, bis dahin, dass er später selber auch Mensch werden wird, um mit seinen Geschöpfen in Beziehung zu treten.
Adrian Müller
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«Sprüche der Propheten» So lautet der Titel der neuen Serie, die mit der ersten Ausgabe des Jahres 2009 im «forumKirche» beginnt. Ein Jahr lang stellen wir die Anstösse und Anregungen, die Warnungen und Hoffnungen der Menschen vor, die sich im Auftrag Gottes an die Menschheit gewandt haben. Lesen Sie den ersten Beitrag über den Propheten Maleachi auf Seite 25. Adrian Müller ist Kapuziner und lebt im Kloster zum Mitleben in Rapperswil am Zürichsee. Neben der Seelsorge arbeitet er als freier Journalist, Redaktor des ITE sowie des Franziskuskalenders.
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Weitere Serien:
2012: Mama, Papa und der liebe Gott
2011: Helden für uns – «Wirklich heilig?»
2010: Theologische Ethik
Jesaja war der erste Prophet, der den Israeliten einen zu-künftigen Messias als Richter und Retter der Armen ver-
hiess.
Bild: Michelangelo, Fresko, 1511, Sixtinische Kapelle, Vatikan, www.wga.hu
Jeremia, der zu den grossen Schriftpropheten des Alten Testaments gehört, verkün-dete den Untergang der Tempelstadt.
Bild: MASTER of the Aix Annunciation, 1445, Musées Royaux des Beaux-Arts, Brussels, www.wga.hu
Prophet Maleachi mit Apostel Simon (Mitte rechts), Illu-stration aus dem Queen Mary's Psalter 1300 - 1320, British Library in London.
Bild: www.wga.hu


