Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Aktuelle Ausgabe Nr. 19

«Ein uralter Riesentanker»

Was kann die Kirche für die Jugend bewegen?

Als Vorbereitung auf die Bischofssynode zum Thema Jugend, die vom 3. bis zum 28. Oktober in Rom stattfindet, beriet sich Papst Franziskus Ende März mit rund 300 Jugendlichen aus aller Welt über deren Wünsche für die Kirche. Eingeladen waren ausdrücklich auch Nicht- und Andersgläubige, wie der 25-jährige Luzerner Sandro Bucher – als einer von drei Schweizer Teilnehmern.

Wie bist du an die Jugend-Vorsynode in Rom eingeladen worden?

Durch Martin Iten, der in der Kommission für Öffentlichkeit und Medien der Schweizer Bischofskonferenz und beim Weltjugendtag mitarbeitet. Er kannte mich, weil ich mich in den sozialen Medien sehr aktiv zu atheistischen und säkular humanistischen Inhalten äussere. Am Weltjugendvorbereitungstag in Schaffhausen haben wir uns dann persönlich kennengelernt. Er suchte jemanden in der Schweiz, der die atheistische Sicht in Rom vertreten könnte und ist deshalb auf mich zugekommen.

Wie hast du die Vorsynode erlebt?

Sehr positiv. Die kleinen Gruppen, in denen wir arbeiteten, waren in punkto Glaubensrichtungen und Konfessionen gut durchmischt. Ich hatte erst Bedenken, dass ich womöglich auf sehr konservative Christen treffe, die mich bekehren wollen. In meiner Gruppe gingen aber alle sehr offen miteinander um und waren an meiner Meinung interessiert. Ich lernte verschiedene Kulturen kennen und erfuhr, wo Religion überall gelebt wird. Für mich war es auch schön, zu erleben, wie die Jugendlichen aus ihrem Glauben Kraft schöpfen. Sie sehen, dass die Kirche in einer Krise steckt, vor allem bei ihrer Generation. Doch die meisten von ihnen kämpfen für eine Liberalisierung und Öffnung.

Gab es auch negative Momente?

Zwei, an die ich mich erinnern kann. Eine Teilnehmerin aus Indonesien fragte mich, ob es ausser mir in der Schweiz noch andere Atheisten gibt. Einige afrikanische Teilnehmer waren davon überzeugt, dass Homosexualität eine zu behandelnde Krankheit ist, woran ich mich auch gestört habe. Doch es kam nie zu Streitigkeiten. Gemeinsam erarbeitete man Lösungen, obwohl man andere Ansichten hatte. Ich denke, es war auch für die anderen wichtig, einmal die Meinung eines Externen zu hören und zu verstehen, wie er die Kirche betrachtet und was bei ihm zum Kirchenaustritt geführt hat.

Und warum bist du ausgetreten?

Ich war damals 16 und bin einerseits zu der weltanschaulichen Überzeugung gekommen, dass der Glaube für mich etwas ist, für das es keine Belege gibt. Zum anderen konnte ich mich mit sehr vielen Aspekten der katholischen Kirche nicht identifizieren, sei es das Pflichtzölibat oder die für mich sozial unverantwortliche Sexualmoral, die einfach nicht mehr in unsere Zeit passt. Aber ich begegne auch religiösen Menschen mit Respekt. Viele meiner Freunde sind christlich oder katholisch. Für mich ist der Dialog wichtig.

Wird das an der Vorsynode erstellte Dokument etwas bewegen können oder hört man zu, nickt ab und macht weiter wie bisher?

Ich denke, man wollte erstmal erspüren, wie es den Jugendlichen geht. Die katholische Kirche ist jedoch ein uralter Riesentanker, was bedeutet, dass es Jahre dauern wird, bis sich wieder etwas verändern wird. Wenn überhaupt. Ich erhoffe mir einfach, dass die Vorsynode gezeigt hat, dass man den Dialog zwischen den Gläubigen und Nichtgläubigen wieder mehr fördern muss. Ich bezweifle jedoch, dass sich am Fundament etwas ändern wird. Die katholische Kirche sieht in Afrika anders aus als in Deutschland. Unter Berücksichtigung anderer Kulturen müsste sie sich als ersten Schritt innerkirchlich besser organisieren und strukturieren. Jetzt und hier sollten die liberaleren Jugendlichen vor Ort, dort, wo sie etwas bewegen können, mehr involviert werden.

Was denkst du darüber, wie die Kirche miteinander umgeht? Beispielsweise in Bezug auf die neuerlichen Vorwürfe der Vertuschung von Missbrauchsskandalen im Vatikan?

Ich finde es wichtig, dass es hierbei nicht nur eine Stimme gibt. Die eigenen Bistümer müssen sich dazu äussern, weil dies auch eine Art von innerkirchlichem Dialog ist. Aus meiner Aussenperspektive heraus hilft mir das, zu verstehen, wie die katholische Kirche tickt.

Denkst du, dass genau diese kirchlichen Tabu-Themen – wie die Vielzahl an Missbrauchsfällen oder Homosexualität – der Kirche ihre Glaubwürdigkeit nach und nach abträgt?

In der westlichen Welt ist die Kirche sehr stark dabei, ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Weil sie in gewissen Haltungen halsstarrig wirklich noch in der Prämoderne festsitzt. Richtet man den Fokus auf gewisse Teile Osteuropas oder Afrikas, stösst man mit solchen Ansichten noch auf offene Arme. Aber in unserer aufgeklärten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts muss sich in der katholischen Kirche etwas verändern.

Interview: Sarah Stutte

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Sandro Bucher, einer von drei Schweizer Teilnehmern an der Jugendsynode

Bild: Sarah Stutte
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