Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Aktuelle Ausgabe Nr. 19

Auf der Seite der Ausgeschlossenen

Óscar Romero und sein Kampf für soziale Gerechtigkeit

Am 14. Oktober ist er ganz offiziell ein Heiliger – Óscar Arnulfo Romero. Der Erzbischof von San Salvador wurde 1980 wegen seines Eintretens für die leidende Bevölkerung am Altar erschossen. forumKirche fragte Josef Estermann, den Leiter von Grundlagen und Forschung bei COMUNDO, nach seiner Sicht auf den weltbekannten Geistlichen.

Was war Óscar Romero für ein Mensch?

Man sagt von Romero, dass er eine Bekehrung durchgemacht hat. Der März 1977 ist der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben als Bischof, Priester und Glaubender. Damals wurde einer seiner engsten Mitarbeiter, der Jesuitenpater Rutilio Grande, zusammen mit zwei mitfahrenden Bauern von der Militärjunta oder vom Paramilitär brutal ermordet. Das hat bei Romero ein Umdenken eingeleitet.

Er war von Natur aus ein sehr scheuer, zurückhaltender Mensch, jemand, der sich eher nicht aus dem Fenster gelehnt hat, ein konservativer Theologe, ein Stubengelehrter, ein frommer Kirchenmann. Erstaunlicherweise hat er sich dann zur Stimme der Stimmlosen gemacht und einen unerschrockenen Mut an den Tag gelegt. Er ist in den drei Jahren, die ihm verblieben sind, zu einer Gestalt herangewachsen, von der man sagen muss: «Das ist ein anderer Romero.»

Wie hat sein Umfeld darauf reagiert?

An ihm schieden sich die Geister. Als er zum Erzbischof ernannt wurde, haben die progressiven Kreise die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Eigentlich war ein anderer Kandidat vorgesehen, aber auf Drängen der Regierung und des Militärs gab Rom Romero den Vorzug. Dann hat sich das Ganze umgekehrt: Regierung und Militär bezeichneten ihn als «roten Bischof». Zwei Abschnitte seines Lebens.

Er ist dabei aber ein spiritueller Mensch geblieben, der sich gerne zurückgezogen hat. Obwohl er auch in der Öffentlichkeit aufgetreten ist, legte er es nicht darauf an, im Mittelpunkt zu stehen.

Welche Entwicklung hat er als Theologe und Priester durchgemacht?

Er fühlte sich dem Zweiten Vatikanischen Konzil verpflichtet, blieb aber in seiner Theologie eher einem vorkonziliaren Denken verhaftet. Als Sekretär der salvadorianischen Bischofskonferenz hat er 1968 auch an der Versammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín teilgenommen, die als Geburtsstunde der Befreiungstheologie gilt. Aber er hat sich diesen neuen Ansatz nicht wirklich angeeignet. Von daher war sein Wandel alles andere als vorhersehbar. Als Seelsorger kannte er keine Berührungsängste. Er war den Menschen immer sehr nahe.

Der Vatikan stand seinem Einsatz für die Armen und für Gerechtigkeit ablehnend gegenüber. Was veranlasste die Kirchenoberen dazu?

Das hatte verschiedene Gründe. Die Befreiungstheologie an sich stand ja unter dem Verdacht, rot, marxistisch oder sogar kommunistisch zu sein. Das wurde noch geschürt durch die Administration in Washington, die stark auf den Vatikan eingewirkt hatte, Leute wie Romero, Ellacuría, Sobrino oder Boff zu massregeln, weil sie den Befreiungsbewegungen in Lateinamerika Vorschub leisten würden.

Hinzu kommt, dass Johannes Paul II., der in Polen in einem sehr spezifischen antikommunistischen Umfeld aufgewachsen war, seine Erfahrung auf Lateinamerika angewandt hat. Es kam zu der berühmten Begegnung zwischen Romero und Johannes Paul II. anlässlich einer Audienz auf dem Petersplatz. Romero soll ihn angefleht haben, darauf einzuwirken, dass die Repressionen in El Salvador aufhören und die USA ihre Unterstützung des dortigen Militärregimes beenden. Darauf soll der Papst zwei Mal beschwörend zu ihm gesagt haben: «Hüten sie sich vor dem Kommunismus.»

Das Etikett des Kommunismus wurde eins zu eins übernommen. Eine engagierte Pastoral, die sich einsetzt für Frieden und Gerechtigkeit, wurde mit kommunistischen Aktivitäten in einen Topf geworfen. Damit förderte man eine Kirche, die sich in die Sakristei zurückzog und damit zum Steigbügelhalter der Macht wurde. Die Kirche in Südamerika hat sich zweigeteilt: Die kirchliche Hierarchie stellte sich hinter die Elite, die Mächtigen, während progressive Kreise, zu denen Laien, Priester und auch einzelne Bischöfe und Theologen zählten, eine ganz andere Kirche aufbauen wollten, die sich politisch äussert gegen Machtmissbrauch, Korruption und Todesschwadronen. In El Salvador zum Beispiel besassen 14 Familien 80 Prozent des ganzen Grundbesitzes. Das war ein Skandal, zu dem die Kirche lange Zeit geschwiegen hat.

Was hat Romeros Engagement bewirkt?

Er hat mit seiner Stimme entscheidend zu einem Bewusstseinsprozess beigetragen in der Bevölkerung und auch international. Die Probleme des kleinen mittelamerikanischen Landes kamen in den Blick der Weltöffentlichkeit. Denn Romeros Radiopredigten wurden in ganz Lateinamerika intensiv mitgehört.

Historisch gesehen hat er es nicht geschafft, die Gewalt in El Salvador zu stoppen, im Gegenteil. Gerade nach seinem Tod hat sich die Gewaltspirale nochmals beschleunigt. Seine Ermordung trug dazu bei, dass der Bürgerkrieg offen ausbrach und die Gewalt weitere zwölf Jahre dauern sollte.

Was hat das Attentat auf Romero ausgelöst?

Die Ermordung war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Es war klar: Wenn man den Erzbischof umbringt, stimmt etwas nicht. Für die meisten war damit eine rote Linie überschritten. Der Druck nahm zu. In den USA gab es Anhörungen. Man vermutete, dass die Militärberater aus den USA etwas mit den Vorbereitungen des Attentats zu tun gehabt hätten. Ausserdem begann eine Debatte über den Kommunismus, den Antikommunismus und die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, speziell in El Salvador.

Vom Volk wurde Romero gleich nach seiner Ermordung heilig gesprochen. Für die einfachen Leute in praktisch ganz Lateinamerika war er der «San Romero de las Américas».

Die Kirche tat sich noch lange Zeit sehr schwer, Romeros Einsatz zu würdigen…

Für eine Selig- oder Heiligsprechung eines Märtyrers ist es Bedingung, dass er um seines Glaubens willen gestorben ist. Wenn jemand unter muslimischer Herrschaft oder in einem atheistischen System verfolgt und hingerichtet wird, ist es naheliegend, dass diese Bedingung erfüllt ist. In El Salvador war aber das Regime auch katholisch. Die Verantwortlichen sind auch jeden Sonntag zur Messe gegangen und haben kommuniziert. Also hätte man sich eingestehen müssen, dass es Katholiken gibt, die zu Gewalt bereit sind und Christsein anders verstehen.

Ausserdem dachten die beiden Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. eurozentrisch und hatten sich beide gegen die Befreiungstheologie gewandt. Eine Heiligsprechung wäre einer Rehabilitierung der Befreiungstheologie gleichgekommen. Man hätte zudem eingestanden, dass man einen Fehler begangen hat und dass es zwei Kirchen gibt, die Kirche der Opfer und die der Henker. Dies wollte man auf jeden Fall vermeiden.

Was hat die Verantwortlichen von COMUNDO dazu bewogen, ihr Bildungshaus nach Romero zu benennen?

Die Pläne für das RomeroHaus stammen aus dem Jahr 1983. Die Missionsgesellschaft Bethlehem SMB, aus der COMUNDO hervorgegangen ist, wollte eine Bildungsstätte errichten für die Ausbildung künftiger Missionare, für die entwicklungspolitische Bildung eines breiten Publikums und zu Forschungszwecken. In dieser Zeit war Romeros Name in aller Munde. Er galt als wegweisender Vertreter einer engagierten Kirche, die sich für Gerechtigkeit einsetzt. Und die SMB engagierte sich stark in Lateinamerika. Das hat dazu geführt, dass sie sich auf das Vermächtnis von Romero berief. Es ging auch um diesen «Zweitakt» zwischen Glaube und gesellschaftspolitischem Engagement, welcher in Romero klar zum Ausdruck gekommen ist. Glaube kann nicht nur ein Bekenntnis sein, man muss sich auch gegen das Unrecht aussprechen.

Der Name «Romero» stellt auch eine Verpflichtung dar…

Seit der Einweihung des RomeroHauses 1986 hat sich einiges entwickelt. Es ist an die Bethlehem Mission Immensee, die Laienvereinigung des SMB, übergegangen. Diese gründete mit zwei Partnern – Inter-Agiere und E-changerCOMUNDO, ein Werk der personellen Entwicklungszusammenarbeit. Der Gedanke der Mission trat etwas in den Hintergrund. Aber die Verbindung einer spirituellen Quelle mit weltweitem gesellschaftspolitischem Engagement ist geblieben. Im RomeroHaus finden weiterhin Veranstaltungen im Geiste von Óscar Romero statt, der den Glauben mit dem Einsatz für Gerechtigkeit verband. Der Begriff der sozialen Gerechtigkeit war für ihn zentral. Es war ihm klar, dass es ohne Gerechtigkeit keinen dauerhaften Frieden gibt.

Die katholische Kirche feiert Romero als Heiligen. Wie sehr setzt sie sich heute in seinem Sinne für die Rechte der Armen ein?

Mit Papst Franziskus stehen wir heute in einem anderen Kontext. Nicht nur, weil er auch aus Lateinamerika kommt, sondern weil er die Zeichen der Zeit erkannt hat in ökologischer, weltpolitischer und wirtschaftskritischer Hinsicht. Das hat dazu geführt, dass die Sache Romero, die lange Zeit auf Eis lag, wieder ins Blickfeld gekommen ist. Und mit ihm kommt man auch nicht darum herum, sich erneut mit den Anliegen der Befreiungstheologie zu befassen. Franziskus ist wie ein Alliierter Romeros.

Die Heiligsprechung ist ein klares Signal der Kirchenleitung, eine Art Rehabilitierung der Befreiungstheologie. Progressive Kreise sind voll des Lobes angesichts dieser Entwicklung, andere fragen sich, wie es möglich ist, einen «roten Bischof» zum Heiligen zu machen. Wieder andere versuchen, Romero in eine spirituelle Ecke zu drängen: Er sei ein Heiliger, weil er ein frommer Mann war. Aber die grosse Masse, für die er schon längst ein Heiliger ist, sieht sich bestätigt.

Welche Botschaft hat der Romero für unsere Zeit?

Romero ging es nicht nur um die Bekämpfung der Armut, sondern um mehr, um soziale Gerechtigkeit. Wenn er heute leben würde, würde er noch mehr auf die Barrikaden steigen wegen der zunehmenden sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten in und zwischen Ländern. Heute ist nicht mehr die Armut das Problem, sondern der Reichtum, der skandalöse Reichtum von einigen wenigen, die die Hälfte des Vermögens der ganzen Erde besitzen. Aus befreiungstheologischer Sicht muss man strukturell denken: Warum gibt es zu reiche Menschen? Ich denke, das würde Romero heute nachholen. Er hätte sich dafür eingesetzt, dass die weltweite Kluft zwischen Superreichen und der grossen Masse von Armen, aber auch Ausgeschlossenen jeder Art, nicht weiter zunimmt.

Interview: Detlef Kissner

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Zu Óscar Romero


• 1917 Geboren am 15.08. in Ciudad Barrios, wuchs in bescheidenen
Verhältnissen auf

• 1937 Studium im Priesterseminar von San Salvador, danach Studium in
Rom

• 1942 Priesterweihe in Rom

• 1943 Abbruch der Promotion und Rückkehr nach El Salvador, danach
Pfarrer und Redakteur

• 1967 Generalsekretär der Bischofskonferenz

• 1970 Weihbischof im Erzbistum San Salvador

• 1974 Bischof der Diözese Santiago de Maria

• 1977 Erzbischof von San Salvador

• 1977 Am 28.02. Massaker an Demonstranten in San Salvador
Am 12.03. Ermordung des Jesuiten Rutilio Grande

• 1978 Drei-Päpste-Jahr (Paul VI., Joh. Paul I., Joh. Paul II.)

• 1980 Romero wird am 24.03. während einer Predigt in einer Krankenhauskapelle von einem Scharfschützen erschossen.

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Óscar Romero trifft 1978 Papst Paul VI. und überreicht ihm ein Foto des ermordeten Rutilio Grande.

Bild: Wikimedia Commons
Das Bildungshaus von COMUNDO in Luzern wurde nach Óscar Romero benannt.

Bild: zVg
Josef Estermann hat Theologie und Philosophie studiert und ist seit 2013 Leiter von Grundlagen und Forschung bei COMUNDO.

Bild: zVg
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