Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Ausgabe Nr. 18

Auf dem Rücken der Armen

Der Handel mit Kleidern kritisch betrachtet

Billige T-Shirts oder Markenkleider: Die Produktion macht viele Leute krank und arm. Ein bewusster Umgang ist gefragt.

Wie viele Kleidungsstücke kaufen Sie pro Jahr? Im Durchschnitt sind es laut Statistik in der Schweiz, Deutschland und den USA 40 bis 70 Stück! Jedes vierte Stück landet ungetragen in der Altkleidersammlung. Es ist kein Geheimnis, dass ein grosser Teil der Kleidung inklusive Schuhe unter unerträglichen Arbeitsbedingungen hergestellt wird. Zu erbärmlichen Löhnen für Arbeiter und Arbeiterinnen kommen massive Belastungen für die Umwelt. Und: Es betrifft durchaus auch teure Kleider!

Auf Kosten der Armen

Es beginnt mit der Baumwolle. Die Pflanzen brauchen sehr viel Wasser, in der Folge versiegen Flüsse und Seen in den Anbaugebieten. Dazu kommt eine enorme Belastung an Düngemitteln und Pestiziden. Das verseuchte Grundwasser und die belasteten Böden machen krank, besonders häufig die Plantagenarbeiter. Danach reist die Baumwolle in verschiedene Länder und wird versponnen und gefärbt; hier fallen ebenfalls giftige Stoffe an. Genäht wird oft in Asien oder Lateinamerika, in Ländern mit tiefen Löhnen und laxen Arbeitsschutzbestimmungen. Näherinnen arbeiten bis zu 16 Stunden am Tag für Hungerlöhne und ohne soziale Absicherung. Danach werden die T-Shirts oder Jeans nach Europa transportiert und oft zu Schnäppchenpreisen verkauft. Allerdings garantieren auch teure Marken keinen fairen Lohn oder eine ökologische Produktion! Vom Preis einer Jeans von 60 Franken gehen nur ca. 8 Franken an die Fabrik für Materialkosten, Miete, Maschinen, Gewinn und Löhne für die Arbeiterinnen! Die Lohnkosten betragen dabei zwischen 0,5 bis 3 Prozent des Preises. Einer Näherin einen gerechten Lohn zu bezahlen, würde ein T-Shirt um ca. 35 Rappen verteuern!

Ausbeutung inklusive

Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) arbeiten über 60 Millionen Menschen weltweit in der Schuh-, Bekleidungs- und Textilindustrie. In Bangladesch und Kambodscha macht dieser Bereich über 80 Prozent der Gesamtexporte aus. Textilarbeiter bleiben aber arm; kaum eine/einer erhält heute einen existenzsichernden Lohn. Konsumentinnen interessieren sich oft nur für den Preis. Wer die Dinge wie hergestellt hat, war lange nicht von Interesse. Erst nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza 2013 in Bangladesch mit etwa 1200 Toten und rund 2000 Verletzten wurde in den Medien heftig über Arbeitsbedingungen debattiert. Internationale Konzerne standen am Pranger. Der Staat änderte das Arbeitsrecht, Gewerkschaften erhielten Zutritt zu den Fabriken. Der Monatsmindestlohn der Näherinnen wurde von ca. 40 auf 68 Franken erhöht. Viele Firmen bezahlen aber diesen Lohn immer noch nicht. Eine Näherin arbeitet im Schnitt 70 Stunden an sieben Tagen der Woche und verdient dabei nicht einmal den alten Mindestlohn. Auch der neue Mindestlohn deckt die Lebenshaltungskosten kaum. Wer sich wehrt, wird oft entlassen oder sogar festgenommen.

Verlagerung nach Europa

Klare Worte findet ein Bericht der angesehenen US-Universität Tufts unter dem Titel «The Impact of better work». 24 Forscher haben sieben Jahre in sechs Entwicklungsländern die Bedingungen in der Textil- und Sportschuhproduktion untersucht. Wie nachhaltig wird für internationale Firmen wie etwa Puma, Nike, H&M, Zara, Esprit, Gap etc., aber auch die Schweizer Post produziert? Gab es in Vietnam zunehmend Verbesserungen, verletzten alle besuchten Firmen in Indonesien den Arbeitsschutz. Ein grosses Problem sind dabei die immer kürzeren Bestellfristen, die dazu führen, dass dann auf Hochdruck produziert werden muss. Millionen Arbeiterinnen «bezahlen» mit unbezahlter Arbeit schnell wechselnde modische Trends in den reicheren Ländern. Neu wird zunehmend in Europa produziert (Türkei, Portugal, Ungarn, Bulgarien, Ukraine, Rumänien). Allerdings ist das nicht unbedingt eine Verbesserung: So arbeiten laut Public Eye etwa 220'000 Personen in der ukrainischen Textilindustrie für Hugo Boss, Esprit oder Adidas. Für etwas mehr als 100 Franken – im Monat. Einige Arbeiter erreichen ohne Überstunden nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn von 97 Franken. Ein existenzsichernder Lohn liegt dort bei knapp 500 Franken.

Das Elend der Armen schreit zum Himmel

Menschen brauchen existenzsichernde Löhne. Dies ist ein Arbeitslohn einer regulären 48-Stunden-Woche, der für die Grundbedürfnisse einer Familie ausreicht. Neben einer angemessenen Ernährung zählen dazu Unterkunft, Transport, Kleidung, Bildung, medizinische Versorgung sowie ein geringes frei verfügbares Einkommen für unerwartete Notfälle. In vielen Ländern Asiens, aber auch Europas liegt der gesetzliche Mindestlohn weit unter dem berechneten existenzsichernden Lohn. In der Bekleidungsindustrie von Kambodscha sind über 80 Prozent der Näherinnen Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Aufgrund steigender Lebenshaltungskosten reicht der Mindestlohn nicht zum Überleben. Die Asia Floor Wage Alliance (Verbund von Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen) berechnete, dass in Kambodscha ein existenzsichernder Lohn 283 USD pro Monat beträgt – mehr als dreimal so viel wie der Mindestlohn von 75 USD.

Übrigens: Die Bibel fordert an vielen Stellen den gerechten Lohn der Arbeiter ein. Hier sind die Christen gefragt! Die kirchlichen Werke engagieren sich daher schon länger in diesem Bereich.

Christiane Faschon

----------------------------------------------------------------

Was können Sie tun?

• Setzen Sie auf ökologisch und nachhaltig produzierte Kleidung.
• Tragen Sie Kleidung länger.
• Ausgefallene Stücke finden Sie auf Flohmärkten und in Secondhand-Läden.
• Kleidertausch-Partys: Jede/r bringt mit, was er/sie nicht mehr tragen mag. Und dann wird getauscht.
• Achten Sie auf Bio-Baumwolle und Kleidung aus fairem Handel.
• Fragen Sie bei Herstellern nach, woher die Kleidung kommt und wie sie produziert wird!
• Informieren Sie sich über Homepages etwa der Clean Clothes Campaign (CCC), dem internationalen Netzwerk von Organisationen aus den Bereichen Menschen-, Frauen- und Arbeitsrechte. CCC setzt sich für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in Textilfabriken ein in Zusammenarbeit mit rund 250 Partnerorganisationen vor Ort. CCC Schweiz wurde 1999 von Public Eye, Brot für alle und Fastenopfer gegründet.

----------------------------------------------------------------

zurück zur Übersicht

Die Verführung beim Kleiderkauf ist gross. Überall locken attraktive Angebote.

Bild: pixabay.com
mime file icon Gottesdienstplan (34 KB)
Webdesign: dfp.ch | Umsetzung: chrisign gmbh