Pfarreiblatt der Bistumskantone
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Aktuelle Ausgabe Nr. 18

Bis zum Schluss für die Gäste da sein

Das Blindenzentrum schliesst seine Pforten

Am 30. September werden die Mitarbeitenden des Internationalen Blindenzentrums IBZ in Landschlacht ihre letzten Gäste verabschieden. 54 Jahre lang war das Gästehaus in katholischer Trägerschaft (siehe Kasten) ein Ort der Begegnung und der Erholung. Für den stellvertretenden Direktor Roland Gruber geht damit ein Schutzraum für Menschen mit Beeinträchtigung verloren.

Es geht ein Strahlen über sein Gesicht, wenn er ins Erzählen kommt: «Einmal hat eine sehbehinderte Frau bei mir eingecheckt, die sich auf Drängen ihres Sohns zu einem Handarbeitskurs angemeldet hatte. Sie sagte zu mir: ‚Ich kann gar nichts mehr‘. Am Ende des Kurses zeigte sie mir stolz die Dinge, die sie geschaffen hat.» Roland Gruber weiss von manch einem Gespräch in der Kapelle oder bei einem Glas Bier, bei dem ganz offen Erfahrungen ausgetauscht wurden und das wieder neue Hoffnung weckte.

Das Haus mit dem herrlichen Blick auf den Bodensee ist ihm seit seiner Kindheit vertraut. Mit seiner Mutter zusammen – beide sind stark sehbehindert – war er hier regelmässig zu Gast. Vor 18 Jahren begann er dann seinen Dienst in der Hausleitung, die davor fast drei Jahrzehnte lang in den Händen von Ordensschwestern aus Paderborn gelegen hatte.

Offen für alle

Das IBZ wurde ursprünglich als katholische Begegnungsstätte für Blinde, Sehbehinderte und Taubblinde gegründet. Im Laufe der Zeit hat es sich mehr und mehr anderen Zielgruppen gegenüber geöffnet. «Es kamen vermehrt Menschen mit anderen Behinderungen, auch geistigen Beeinträchtigungen zu uns», sagt Roland Gruber. Aber auch Menschen ohne Beeinträchtigung – Einzelpersonen und Gruppen – geniessen das Ambiente des Hauses; Firmen, Banken und Behörden halten hier ihre Seminare ab. Für Gruber ist klar: «Bei uns sind alle Menschen guten Willens willkommen.» Trotz dieser Öffnung hat das Haus in den zurückliegenden Jahren mit dem kontinuierlichen Rückgang der Belegungszahlen zu kämpfen. Zu Spitzenzeiten konnte man fast 20‘000 Übernachtungen pro Jahr verbuchen, heute sind es nur noch etwa 12‘500. Die Aufenthalte werden immer kürzer, die Wintermonate sind nur noch dünn belegt. Roland Gruber macht das zunehmende Alter früherer Gäste dafür verantwortlich: «Sie nehmen den langen Weg an den Bodensee nicht mehr auf sich.» Hinzu kam die Frankenstärke, die den Aufenthalt für deutsche Gäste verteuerte.

Einsparungen reichten nicht

Den wirtschaftlichen Druck, der durch den Belegungsrückgang entstand, versuchten Stiftungsrat und die Belegschaft mit dem Abbau von Dienstleitungen, die man in besseren Zeiten einmal eingeführt hatte, zu kompensieren. «Noch vor zwei Jahren haben wir die Nachtbereitschaft eingestellt. Wir dachten, wir hätten unsere Hausaufgaben gemacht», sagt Roland Gruber. Umso mehr schockierte die Mitarbeitenden letztes Jahr die Nachricht, dass das Zentrum geschlossen wird. Begründet wurde das Aus damit, dass jüngere Sehbehinderte weniger ein Haus dieser Art suchen würden und «inkludierter», d. h. mehr in gesellschaftliche Angebote einbezogen seien. Ausserdem würde eine grundlegende Sanierung der Hauptgebäude anstehen, die die finanziellen Möglichkeiten der Träger übersteige. Roland Gruber bringt der Argumentation des Stiftungsrates ein gewisses Verständnis entgegen: «Die beiden Organisationen haben selbst zu kämpfen.» Das katholische Blindenwesen müsse ähnlich wie die katholische Kirche insgesamt mit einem zunehmenden Mitgliederschwundzurechtkommen. In Saanen (BE) beispielsweise habe dieses Jahr auch ein Hotel für blinde und sehbehinderte Menschen geschlossen. «Und dennoch», so Gruber, «wir von der Direktion haben stets daran geglaubt, dass es gerade vor dem Hintergrund der umgesetzten Sparmassnahmen für das IBZ eine Zukunft geben könnte.» 

Mit Wohlwollen

Am meisten bedauert der akademische Tourismusmanager die Konsequenzen für die Gäste: «Das IBZ hat Menschen mit Beeinträchtigung einen wertvollen Schutzraum geboten. Der fällt nun weg.» In der Öffentlichkeit sei der Druck – vor allem für Menschen mit starker Behinderung – sehr hoch. Wenn ihnen im Zentrum ein Missgeschick passiere, würde man ihnen Verständnis entgegenbringen. Die Menschen könnten hier so sein, wie sie sind, das entlaste sie. «Ein Mann sagte mir, dass er vor allem wegen des Schwimmbads und der Kapelle nach Landschlacht komme», erzählt Roland Gruber. Auf den ersten Blick erstaunlich, auf den zweiten durchaus verständlich: Daheim braucht er für beide Einrichtungen jemand, der ihn begleitet. Im IBZ hingegen kann er sie selbstständig aufsuchen.

Kleine Hoffnung

Nach dem 30. September werden die letzten Rechnungen geschrieben. Bis März 2019 erfolgen im Hauptgebäude noch Anpassungen, damit die Spital Thurgau AG mit zwei Stationen der Psychiatrischen Klinik dort einziehen kann. Die Räumlichkeiten sind für vier Jahre vermietet. Was danach mit dem IBZ passiert, ist noch nicht klar. «Für uns ein kleiner Rest Hoffnung. Vielleicht können die Sehbehinderten bis dahin noch etwas auf die Füsse stellen», sagt Roland Gruber.

Manche der Mitarbeitenden haben schon eine neue Anstellung gefunden, andere sind noch auf der Suche. Bis jedoch der letzte Gast das Haus verlässt, möchte das 16-köpfige Team noch alles geben. Das ist auch nötig, denn das Haus ist bis zum letzten Tag noch sehr gut belegt. «Wir wollen nicht den Kopf hängen lassen, wollen die Situation positiv angehen», so Gruber. Er ist stolz darauf, dass ihnen dies bisher gut gelingt und freut sich über Komplimente wie: «Es ist immer noch schön bei euch.»

Detlef Kissner

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Geschichte und Zahlen

Das IBZ wurde 1964 von der Schweizerischen Caritasaktion der Blinden CAB und vom Deutschen Katholischen Blindenwerk DKBW ins Leben gerufen. Anfangs bestand es nur aus der «Villa». Von 1970 bis 1985 erfolgte in drei Etappen der Anbau des Haupthauses mit der Kapelle. Es standen 80 Betten in 55 Doppel- und Einzelzimmer zur Verfügung. Anfang der 90er-Jahre wurde das Gebäude der Blindenbibliothek auf dem IBZ-Gelände errichtet. Diese wird zusammen mit der Hörbücherei in Collombey (VS) zum 31. Dezember von der CAB an die SBS Schweizerische Bibliothek für Blinde, Seh- und Lesebehinderte übergeben. In der Folge wird der Standort Landschlacht geschlossen.

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Roland Gruber auf dem Balkon des Blindenzentrums

Bild: Detlef Kissner
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