Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 15

Menschen in ihre eigene Tiefe begleiten

Zum Abschied von Matthias Loretan

Am 29. Juli wird Matthias Loretan als Leiter des Pastoralraumes Region Altnau verabschiedet. Der 65-jährige Theologe geht in den Ruhestand – möchte sich danach aber weiterhin für den interreligiösen Dialog einsetzen und für seelsorgliche Anliegen zur Verfügung stehen.

Er studierte Theologie und Medienwissenschaften und leitete die Kirchliche Fachstelle für Film, Radio, Fernsehen und Neue Medien. Erst mit 51 Jahren entschied sich Matthias Loretan, in die Pastoral zu gehen. Nach einer berufsbegleitenden Einführung in Langenthal war er fünf Jahre lang als Gemeindeleiter in Kreuzlingen tätig, bevor er 2012 zum Seelsorgeverband Altnau-Güttingen-Münsterlingen wechselte. Es war ihm klar, dass er mit den verbleibenden Berufsjahren nur einen Übergang gestalten kann. «Ich überlegte mir, was sich in dieser Zeit anstossen und bewegen lässt», so Loretan.

Eine grosse Aufgabe, die sich ihm stellte, war die Bildung des gemeinsamen Pastoralraumes. «Der damit verbundene Prozess hat in den Pfarreien Kräfte gebunden, aber nur bescheidene neue Energien freigesetzt», resümiert er rückblickend. Gern erinnert er sich an die Festlichkeiten zum Jubiläum «50 Jahre Seegfrörni». Daraus sei eine Freundschaft zu den Katholiken vom anderen Seeufer entstanden, die bis heute jedes Jahr mit einem gegenseitigen Besuch gepflegt werde, erzählt Matthias Loretan.

Eindrückliche Begegnungen

Als 2014 die Zahl der in der Schweiz ankommenden Flüchtlinge zunahm, stellte man sich in den drei Pfarreien den Fragen rund um das Thema Integration und suchte den Kontakt zu den politischen Behörden. «Es ging darum, gemeinsam Menschen zu sensibilisieren, mit offenem Herzen auf Flüchtlinge zuzugehen und in ihnen Menschen zu sehen», sagt Matthias Loretan. Rückblickend waren ihm vor allem die Begegnungen in der Seelsorge wichtig, wenn es galt, Menschen an Lebensübergängen zu begleiten: bei Taufe, Erstkommunion, Firmung, Trauung und Tod. «Diese Kontakte haben mich menschlich nachhaltig berührt.» Auch wenn das eigenartig klinge, Beerdigungen habe er gern übernommen, fügt er an, weil er im Gespräch mit den Hinterbliebenen ein tiefes Vertrauen gespürt habe und ohne Brimborium wirklich existenzielle Fragen angesprochen werden konnten. Als Seelsorger geht er davon aus, dass Menschen einen unmittelbaren und persönlichen Kontakt zu Gott haben. Ziel der Begleitung sei es, das Gegenüber in seine eigene Tiefe, in die Unmittelbarkeit Gott gegenüber zu führen. «Wo dies glückt, ist ein konkretes Problem leichter zu tragen und zu lösen», so Matthias Loretan.

Zwiespältig: leitend dienen

Aus kritischer Distanz betrachtet er seine Rolle als Diakon. Nach der Berufseinführung verband er mit diesem Weg eine gute Möglichkeit, «schon bald zu einer Aufgabe zu kommen, in der er etwas bewegen kann». Denn als Diakon war er besser in liturgische Abläufe eingebunden und konnte zum Beispiel ohne zusätzliche Beauftragung Taufen spenden und Trauungen leiten – wichtige Voraussetzungen, um als Gemeindeleiter wahrgenommen zu werden. Heute sieht er auch die Schattenseite dieses pragmatischen Zugangs: «Es ist absurd, ich habe gedient, indem ich eine Gemeinde geleitet habe. Ich habe damit einerseits das kirchlich hausgemachte Problem des Priestermangels verwalten helfen. Ich habe andererseits ein wunderbares Team führen dürfen, in dem Frauen als Seelsorgemitarbeiterinnen echte pastorale Aufgabe erfüllen.» Dass Frauen bis heute noch nicht zum Diakonen- bzw. Priesteramt zugelassen sind, empfindet Matthias Loretan als Skandal: «Das macht Frauen in kirchlichen Leitungsämtern ortlos.» Angst und Kleinglaube sind seiner Meinung nach der Grund für die anhaltende Unbeweglichkeit der Kirche in dieser Frage.

Aufbruch für Leiter und Gemeinde

Auch wenn manches Stückwerk bleibt – kann der scheidende Gemeindeleiter für sich sagen: «Ich gehe im Guten.» Er sieht den Wechsel auch als Chance für den Pastoralraum. Denn mit einer neuen Leitung wird es andere Prägungen geben, von denen wieder andere Menschen angesprochen werden. Ihm persönlich bietet der Ruhestand die Möglichkeit, sich direkter seinem Herzensanliegen, dem interreligiösen Dialog, zuzuwenden und als Vorsitzender des entsprechenden Thurgauer Arbeitskreises das Interesse in der Öffentlichkeit dafür zu wecken. Ausserdem möchte er weiterhin das tun, was ihm die letzten Jahre Erfüllung geschenkt hat: Menschen als Seelsorger zur Seite zu stehen.

Detlef Kissner

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Matthias Loretan: «Seelsorgliche Gespräche haben mich selbst nachreifen lassen.»

Bild: Detlef Kissner
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