Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Ausgabe Nr. 15

Gläubigentaufe und Dorfsolidarität

Der Täuferweg (2): Von Merishausen zum Zelgli

Der Merishauser Täuferweg ist eine schöne Kombination von Naturlehrpfad und Spuren der Schaffhauser Täufer. Es bietet sich an, die Wanderung vom Hemmentaler Täuferweg (siehe forumKirche Nr. 14) mit dieser zu verbinden.

Die Wanderung beginnt an der Bushaltestelle Gemeindehaus im beschaulichen Merishausen. Die grünen Täuferwegweiser leiten einen an der mittelalterlichen Bergkirche St. Martin vorbei. Ausserhalb des Dorfes führt der «Täuferweg» (Flurname!) entlang von blumenreichen Magerwiesen und Obstbäumen direkt auf die Täuferquelle hin. «Ihr Name könnte auf geheime Täufertreffen und Tauffeiern hindeuten», ist auf der Tafel zu lesen. Im lauschigen Schatten von Bäumen und Büschen gelangt man über neu angelegte Natursteinstufen zu einem kleinen Bachbecken.

Neues Taufverständnis

Die «Schweizer Brüder» oder «Gemeinde Gottes», wie sich die Täufer selber nannten, haben sich von der Zürcher Reformbewegung Anfang des 16. Jahrhunderts abgelöst. Aufgrund ihres emanzipatorischen Bibelstudiums lehnten sie Kirchentraditionen und -politik, die nicht durch die Bibel belegt sind, massiv ab. Dazu zählt auch die traditionelle Säuglingstaufe des alten und des neuen Glaubens. Konsequent nach dem Neuen Testament lebend, erkannten die «Schweizer Geschwister», dass erst auf ihr aktives, persönliches Bekenntnis zum Glauben eine Gläubigentaufe folgen kann. Ihre Erwachsenentaufe gilt als Zeichen in der Nachfolge Christi zu wirken. Damalige Täuferlehrer haben mit klarem, fliessenden Wasser ihre Täuflinge übergossen.

Vom Dostental auf den Randen

Nach der Täuferquelle führt der Talweg im Dostental auf den Randen hoch. «Bei Verfolgungen (der Täufer)», so die Tafel der Randenvereinigung, «konnte er als Fluchtweg dienen.» Hier werden die Wanderer von vielen Schmetterlingen am Wegesrand begleitet. Schilder des Regionalen Naturparks Schaffhausen informieren über diverse Lebensräume und die Artenvielfalt rund um den Wald.

Staats- und Religionskontrolle

Als Reaktion auf die radikale Verweigerung der Säuglingstaufe erliess der Zürcher Rat im Jahr 1524 einen Taufzwang für alle Kinder. Damals verstanden sich alle Obrigkeiten als von Gott berufene Autorität über Staat und Religion. Sie setzten neben Amtsdienern auch Pfarrer ein, um die Untertanen in den Landgemeinden unter Kontrolle zu behalten. Weil der Merishauser Pfarrer Alexander Krayer zu den Täufern hielt, wurde er abgesetzt und 1532 durch einen strengen Täufergegner ersetzt. In den Taufregistern der 1620er-Jahre vermerkte der Schleitheimer Pfarrer Johann Friedrich Oechslin bei 24 Kindern, dass ihre Eltern Täufer sind. Doch einmal weigerte er sich ein Kind von Täufern zwangsweise zu taufen. «Worauf er zur Strafe seiner Pfarrstelle entsetzt wurde», berichtet der Historiker Roland E. Hofer. Kurze Zeit später erhielt Oechslin aber «sein Pfarramt aus Gnade wieder zurück». Trotz Taufzwang und anderen Massnahmen breitete sich das Täufertum im ländlichen Untertanengebiet aus.

Birnen statt Verhaftung

Beim Zelgli angekommen erfährt man etwas über die Solidarität der Landbevölkerung zu den sanktionierten Täufern. Die Schaffhauser Obrigkeit verbot den Täufern aus Schleitheim, ihr Vieh auf der gemeinnützigen Allmend weiden zu lassen und von den Gemeindefeldern und -bäumen zu ernten. Trotz der Strafandrohung für Helfer brachte der Schleitheimer Hans Vögelin einer Täuferin Birnen anstatt sie festzunehmen. Ebenso mussten Dorfvogt, Weibel und Schulmeister wegen Unterlassungen zahlen. 1625 versuchten zwei couragierte Schleitheimerinnen die Verhaftung ihres Täufer-Freundes handgreiflich zu verhindern. Bekanntschaften, Familienbande und grundsätzlicher Widerstand gegen den Schaffhauser Rat waren Gründe der Dorfsolidarität zu den Täufern.

Verlust-Ängste

Die über 160-jährige Verfolgung durch die Obrigkeit drückt deren Ängste gegenüber den selbstbewussten und glaubensstarken Täufern aus. Die Einheit von Staat und Staatsreligion sahen die Ratsherren bedroht. Sie fürchteten, dass ihre Untertanen «mit der Irrlehre infiziert» und zum Aufruhr verführt werden. Doch die fremden und die einheimischen Täufer profitierten vom ländlichen, grenznahen Untertanengebiet sowie der Dorfsolidarität. Somit konnten sie sich Generationen lang der absolutistisch herrschenden Obrigkeit widersetzen. Religionsfreiheit erlebte «die Gemeinde Gottes» leider nicht mehr hier.

Judith Keller

----------------------------------------------------------------------

Nähere Infos:

www.natourpark.ch/tour/taeuferweg/
und
www.reformation-sh.ch/taeuferweg/


----------------------------------------------------------------------

zurück zur Übersicht

Täuferquelle und -becken bei Merishausen

Bild: Judith Keller
mime file icon Gottesdienstplan (34 KB)
Webdesign: dfp.ch | Umsetzung: chrisign gmbh