Pfarreiblatt der Bistumskantone
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Aktuelle Ausgabe Nr. 14

Zurück zur Natur

Anpacken im Unterholz

Seit gut zwanzig Jahren leistet das bündnerische Bergwaldprojekt mit vielen Freiwilligen Grosses in den Schweizer Schutzwäldern. Um die Landschaft zu schützen, die uns vor Naturkatastrophen und verschmutzter Luft bewahrt. Und um die Öffentlichkeit für den Bergwald zu sensibilisieren.

«Ich habe meinen Einsatz extra noch um eine Woche verlängert, weil es mir hier so gut gefallen hat. Eigentlich hatte ich ursprünglich geplant, noch ein ganz anderes Projekt im Tessin zu unterstützen», erklärt Alejandro Koella. Der 22-jährige Berner nimmt zum ersten Mal am Bergwaldprojekt teil, einer privaten Bündner Initiative, die 1987 ins Leben gerufen wurde. Damals fand in Malans das erste einwöchige Projekt statt. Die Idee, Freiwillige unter Aufsicht eines erfahrenen Projektleiters und des lokalen Forstdienstes Jungwaldpflege verrichten zu lassen, stiess auf reges Interesse.

So rege, dass weitere Projekte dieser Art und viele Freiwillige folgten. Die Idee, die Erhaltung, Pflege und den Schutz des Waldes sowie der Kulturlandschaft und Artenvielfalt im Berggebiet zu fördern, expandierte inzwischen nach Deutschland, Österreich, dem Fürstentum Liechtenstein und Katalonien. In der Schweiz organisiert die gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Trin rund dreissig solcher Einsätze im Jahr in zahlreichen Kantonen. Männer und Frauen von 18 bis 88 Jahren können sich auf der Internetseite für ein geeignetes, jeweils einwöchiges Projekt anmelden. Dazu gehört auch eine halbtägige Exkursion mit dem ortsansässigen Förster, die ihnen den heimischen Wald näherbringen soll. Die Anreise geht auf eigene Kosten, die meist regionale Verpflegung wird von der Stiftung gezahlt, die sich vor allem durch Spenden finanziert. Gegen einen Unkostenbeitrag werden auch spezielle Projekte für Familien, Schulen oder Firmen organisiert. Besondere Vorkenntnisse sind nicht vonnöten. Freude an der Natur, am Wald und daran, handwerklich tätig zu sein, sollte jeder Interessierte aber mitbringen. Zudem muss er sich bewusst sein, dass die Tage lang und streng sind. Oft bewohnt er mit einer Gruppe von zehn bis zwölf Personen eine Alphütte ohne Strom und Warmwasser. Um sechs Uhr wird geweckt und nach dem Frühstück gearbeitet. Abgesehen von kleineren Pausen und dem Mittagessen ist man bis zum frühen Abend auf den Beinen und auf dem Waldgrund. Spätestens um 10 Uhr abends fallen die Helferinnen und Helfer dann todmüde ins Bett.

Eine Woche Traumwelt

Doch zurück zu Alejandro, der Landschaftsarchitektur in Rapperswil studiert und die Erfahrung als Schutzwaldhelfer spannend und wertvoll erachtet. Seinen ersten Bergwaldeinsatz leistet er im wild-romantischen Calfeisental, am südlichsten Zipfel des Kantons St. Gallen. Hier, oberhalb der ehemaligen Walsersiedlung St. Martin, ist die aus acht Männern und zwei Frauen bestehende Gruppe um Leiter Thomas Löffel gerade mit dem Bau eines Wanderweges beschäftigt. Der Auftrag hierzu kam direkt vom Verein «Pro Walsersiedlung St. Martin und Calfeisental». Dieser hat sich das Ziel gesetzt, die kulturhistorische Verankerung des Walsertums im Gebiet zu erhalten und die wunderschöne Ecke auch touristisch attraktiv zu machen. Es ist das erste Mal, dass das Bergwaldprojekt hier im Einsatz ist. Laut Thomas Löffel wird man auch im nächsten Jahr wieder hier oben arbeiten, so lange, bis der Weg erstellt ist. «Der Wanderweg ist anspruchsvoll, weil er über Fels führt. Unser Qualitätsanspruch ist hoch, damit die Route die nächsten Jahrzehnte bestehen kann», erklärt Löffel. Der gelernte Förster ist schon seit Jahren für die Bündner Stiftung tätig und fasst die Faszination für das Projekt so zusammen: «Der Alltag wird durchbrochen, man kann sich und die Natur durch die körperliche Arbeit spüren und sieht direkt das Resultat. Das beflügelt, macht stolz und zufrieden.» Eine Woche Traumwelt, trotz starker Anstrengung, in der nicht nur Städter abschalten können.

Sinnvoll und nachhaltig

Deshalb gibt es nicht nur Neulinge, sondern auch viele «Wiederholungstäter». Ein solcher ist der älteste Teilnehmer im Feld, der 68-jährige Deutsche Gottfried Conrad, der bereits zum dritten Mal für einen Einsatz extra aus Bonn anreiste. Auch der 52-jährige Thomas Spielmann aus Spiez arbeitet schon das zehnte Mal in einem Schutzwald. «Die Durchmischung im Team ist spannend und die Arbeit sinnvoll. Gestern haben wir Bäume gefällt, um zu verhindern, dass eine Weide nicht einwächst», erzählt er. Denn auch solche Aufgaben sind Teil der Projektwoche. «Die Natur ist sehr dominant. Wenn man nichts unternimmt, erobert der Wald sein Gebiet wieder zurück», erklärt Thomas Löffel. Darum sei gerade die Schutzwaldpflege ein wichtiger Arbeitsbereich. An einem dicht bewaldeten Hang oberhalb des Rastlagers fällt ein Teil der Gruppe gerade mit Zweimann-Sägen und Äxten schwache Bäume zugunsten von starken. Die Bäume landen krachend im Geäst. An der Säge zieht auf einer Seite auch die 22-jährige Anja Weber aus Landquart. «Wenn ich in zehn Jahren auf dem Wanderweg hier hochlaufe, kann ich sagen, dass ich daran mitgearbeitet habe. Oder dass ich geholfen habe, den Waldbestand zu sichern. Das ist ein tolles Gefühl», sagt sie.

Sarah Stutte

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Der 22-jährige Berner Alejandro Koella hilft, einen Wanderweg zu bauen.
Die Äxte kommen bei der Jungwaldpflege zum Einsatz.
Blick aus dem Wald auf den Gigerwaldsee
Gute Laune trotz anstrengender Arbeit


Bilder: Sarah Stutte
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