Pfarreiblatt der Bistumskantone
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Ausgabe Nr. 12

Die Sonne geht im Westen auf

Die Stiftsbibliothek St. Gallen zeigt irische Manuskripte des Frühmittelalters

Die Ausstellung thematisiert die irische Buchkultur des 7. bis 12. Jahrhunderts und ihre Bedeutung für St. Gallen und Europa. Dabei wird klar: Vom finstern Mittelalter kann nicht die Rede sein.

«An der Wiege Europas – Irische Buchkultur des Frühmittelalters» heisst die diesjährige Sommerausstellung, die noch bis am 23. November gezeigt wird. Der Titel sei auf Widerspruch gestossen, meint Stiftsbibliothekar Cornel Dora. Denn gemeinhin werde die griechische Philosophie und Kunst als Ausgangspunkt der abendländischen Kultur betrachtet. Das sei nicht falsch, so Dora. «Aber man vergisst, dass die Iren in den Jahren zwischen 500 und 900 n. Chr. Europa nachhaltig prägten.» So waren es irische Mönche, die sich ab dem späten 6. Jahrhundert auf den Weg machten, um als Missionare zunächst in Schottland und später auf dem Kontinent Klöster zu gründen. «Diese Iren brachten nebst dem Evangelium auch praktisches Wissen», so Dora. «Sie waren gescheit, beredt und sie wussten ihre Botschaft zu verkaufen.» Und diese boten sie buchstäblich auf dem Markt feil. So jedenfalls will es eine Anekdote aus dem Jahr 883, die uns in einer Biographie Karls des Grossen vom St. Galler Dichtermönch Notker Balbulus überliefert ist. Demnach traten zwei irische Männer auf einem gallischen Markt auf und wandten sich an die neugierige Menge mit den Worten: «Jeder, der Weisheit haben will, komme herzu und erhalte sie aus unseren Händen.»

Lichtbringer

Die irischen Mönche sprechen zu Menschen, denen noch die Schrecken der Völkerwanderung in den Knochen sitzen. Sie sprechen von christlicher Nächstenliebe und leben sie auch. Sie bringen Licht in eine Zeit, die – durch den Niedergang des römischen Reichs – von Unsicherheit und Angst geprägt ist. Vom finsteren Mittelalter will Cornel Dora deshalb nichts wissen. «In irischen Heiligenleben kommt immer wieder das Bild der Sonne vor, die im Westen aufgeht.» Denn das ist das Selbstverständnis der Mönche. Sie kommen gleichsam als Lichtbringer vom damaligen – mittelalterlichen – Ende der Welt. «Sie bringen Weisheit und christlichen Idealismus», sagt Cornel Dora. Und sie bringen auch Handschriften.

Fundiertes Wissen

Heute besitzt das Kloster St. Gallen fünfzehn Manuskripte aus irischer Hand. Das ist die weltweit grösste Sammlung der Zeit vor 850 n.Chr. Wie sie nach St. Gallen kamen, erklärt sich aus der Klostergeschichte. Gegründet vom Iren Gallus, einem Schüler des Missionars Columban, bleibt das Kloster auch später in Verbindung mit der Mutterkirche. Pilgernde Mönche bringen immer wieder Schriften mit; der irische Wanderbischof Marcus um 860 sogar eine kleine Bibliothek. Diese wertvollen Schriften zeugen bis heute vom breiten Horizont der irischen Mönche, von ihrer Religiosität und Gelehrsamkeit. So beherrschten sie die lateinische und viele auch die griechische Sprache in Wort und Schrift. Als Beleg findet sich in der Ausstellung der Anfang eines bedeutenden griechischen Evangeliums mit lateinischer Übersetzung aus dem im 9. Jahrhundert. Es ist, wie Cornel Dora sagt, «ein Exponat, das von der grossen Genauigkeit und Qualität der irischen Wissenschaft zeugt».

Beitrag zur Schriftkultur

Beeindruckt hat den Ausstellungsmacher auch das sogenannte Isidor-Fragment. «Es zeigt, dass unsere heutige Schriftkultur den Iren einiges verdankt.» Dazu gehört die Gross- und Kleinschreibung ebenso wie die Worttrennung – etwas, das die Römer nicht kannten – oder die Verwendung von Satzzeichen. Die Iren waren aber auch Meister der Komputistik, die sich ganz der Zeitrechnung – auf der Basis des korrekt errechneten Ostertermins – widmete. Keine einfache Aufgabe in einer Zeit, als man noch mit römischen Zahlen operierte und Widersprüche der biblischen Quelle zu überwinden hatte.

Buchmalerei

Das optische Prunkstück der Sammlung aber ist das Irische Evangeliar von St. Gallen, Codex Sangallensis 51. Mit ihm besitzt die Stiftsbibliothek eine der schönsten irischen Handschriften des Frühmittelalters. Den vier Evangelien geht jeweils eine Doppelseite voraus, die mit dem entsprechenden Porträt des Evangelisten und einer ausgeschmückten Initiale aufwändig gestaltet ist. Die detailreichen Ornamente und sorgfältige Ausführung lassen die Arbeitsstunden erahnen, die für die Herstellung dieses Buches aufgewendet wurden. Der Bibliothekar weist denn auch auf die aussergewöhnliche Bedeutung der Buchkultur im Mittelalter hin. «Ein Buch war ein Schatz», so Dora. «Und die Bibliothek war das Hirn des Klosters.» Da fand man wichtiges Wissen zum Verständnis von Gott und der Welt. «Zudem war es damals nicht anders als heute: Man konnte mit Medien Meinungen beeinflussen.»

Freilich haben die meisten Gläubigen Bücher nur aus der Ferne zu Gesicht bekommen. Denn das Frühmittelalter pflegte in erster Linie eine mündliche Kommunikationskultur. Was die Menschen wissen mussten, wurde ihnen mündlich mitgeteilt. Etwa, wie sie Busse leisten sollten. Das findet man im Bussbuch des Finnian niedergeschrieben. Dieses beginnt mit ausführlichen Instruktionen für Gläubige im Umgang mit bösen Gedanken oder geplanten Vergehen. Dabei unterscheidet der Autor auf 414 Pergament-Seiten zwischen Bussen für Laien und solchen für Kleriker, die ungleich höher sind. Weit einprägsamer und zeitloser liest sich da die Liste der zwölf Hauptübel der Welt aus dem 9. Jahrhundert. Dazu zählt der Autor etwa «Ein Reicher ohne gute Werke», «Ein ungerechter König», «Ein Jugendlicher ohne Gehorsam» oder «Ein Greiser ohne Religion».

Sibylle Zambon-Akeret

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Cornel Dora ist Stiftsbibliothekar der weltberühmten Klosterbibliothek St. Gallen.

Bild: Sibylle Zambon-Akeret
Der Evangelist Markus und der Anfang seines Evangeliums im Irischen Evangeliar von St. Gallen

Bild: zVg
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