Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Ausgabe Nr. 10

«Als Mutter für Mütter»

Marie Heim-Vögtlin: ein Porträt

Sie geht ihren Weg, bricht mit Konventionen und emanzipiert sich zu einer Zeit, als das Wort noch kaum erfunden ist: Marie Heim-Vögtlin (1845–1916). Als erste Ärztin der Schweiz wird sie zur Wegbereiterin, als Ehefrau und Mutter zum Vorbild vieler Frauen.

Als sich Marie Vögtlin 1869 als erste Schweizerin an der Universität Zürich fürs Medizinstudium einschreibt, tut sie es gegen den Widerstand von Verwandten und der Gesellschaft. Die gutsituierte Pfarrerstochter aus Brugg zieht zuerst die Aufmerksamkeit der Lokalpresse auf sich – und später das Gespött von Kommilitonen. Doch das beeindruckt sie nicht. «Je mehr man an meinem Plan rüttelt, desto fester wird meine Überzeugung und mein Entschluss, je mehr man mich entmutigen will, desto mutiger werde ich», schreibt sie an eine Freundin. Sie erringt sich schliesslich die Zustimmung des Vaters, die sie für ein Studium braucht. Denn Frauen waren überhaupt erst seit 1867 zum Studium zugelassen worden. Notabene im selben Jahr, in dem Zürich mit der Cholera zu kämpfen hat. Marie Vögtlin meldet sich als Freiwillige. Sie hilft in der Armenschule und im Kinderspital. Und sie weiss, sie möchte mehr medizinische Verantwortung übernehmen, als sie es als Pflegerin kann. Es ist ihr ein Bedürfnis, sich für Kranke, Benachteiligte und insbesondere für Frauen im Wochenbett einzusetzen.

«Mit bestem Erfolg»

Gut möglich, dass ihr Wunsch, Arzt – die weibliche Berufsbezeichnung existierte damals noch nicht – zu werden, auch noch einen andern Grund hat. Kurze Zeit ist sie mit ihrem Cousin Fritz Erismann, einem Arzt und Sozialist, verlobt. Während diese Verbindung nicht hält, bleibt der Berufswunsch bestehen. Heimlich bereitet sich Marie Vögtlin auf die Hochschulreife vor. Sie büffelt frühmorgens oder während des Kochens Mathematik und Latein und kann schliesslich im Herbst 1868 ihr Studium der Medizin aufnehmen. Die Semesterferien verbringt sie zu Hause, wo sie im Haushalt hilft oder ihre Garderobe näht. Über ihre Studienzeit äussert sie sich gegenüber ihrer Freundin – nicht etwa inhaltlich, sondern ihre Sonderstellung als eine der wenigen Frauen betreffend. Sie sei froh, schreibt sie, kurzsichtig zu sein. Denn es sei ihr peinlich «überall unter Studenten zu stehen und mich passiv begaffen lassen zu müssen.» Mit 28 schliesst sie ihr Studium «mit bestem Erfolg» ab.

Um Praxis in der Behandlung von Frauen zu sammeln, geht Marie Vögtlin anschliessend für ein Semester nach Leipzig. Die dortige Gynäkologie geniesst einen ausgezeichneten Ruf. Allerdings hat sie nicht mit der Ablehnung durch ihre Mitstudenten gerechnet. Sie beschliesst, ihre Ausbildung an der königlichen Entbindungsanstalt in Dresden fortzusetzen. Nach einer Examinierung durch den leitenden Professor, die sie mit Bravour besteht, wird sie auf Anhieb als Assistentin der Privatstation engagiert. 1874 besteht sie ihr Doktorexamen, das sie in Zürich ablegt. Doch es Bedarf nochmals der Intervention ihres Vaters, damit sie als Frau eine Praxis eröffnen kann. In Zürich Hottingen behandelt sie fortan Patientinnen aus allen gesellschaftlichen Schichten, zahlende und solche, die sie mehr oder weniger um Gottes Lohn kuriert.

Vielfältig engagiert

Marie Vögtlin ist knapp 30 Jahre alt und damit im «Altjungfernalter», als sie den Geologen Albert Heim kennenlernt und heiratet. Mit ihrem Ehemann, der als Professor Hochschulkarriere macht, führt sie ein gleichberechtigtes Berufsleben. Sie gibt ihren Beruf auch dann nicht auf, als sie mit 37 Jahren zum ersten Mal Mutter wird. Zu den leiblichen Kindern Arnold und Helene kommt schliesslich noch Pflegekind Hanneli. Dank grosser Disziplin bewältigt die junge Mutter nicht nur ein anspruchsvolles Berufs- und Familienleben, sie macht sich auch als Autorin einen Namen. In Die Pflege des Kindes im ersten Lebensjahr wendet sie sich – wie sie im Untertitel schreibt – als «Mutter an Mütter». Zudem kümmert sie sich um die praktische Ausbildung junger Ärztinnen, welche sie an die Klinik in Dresden vermittelt. 1901 übernimmt sie die Leitung der Kinderabteilung an der neugegründeten Pflegerinnenschule mit Frauenspital in Zürich.

Im Winter 1913 verschlimmert sich die Lungenkrankheit, an der sie leidet. Sie muss nacheinander ihren Beruf und ihre Verpflichtungen aufgeben. Im Februar 1915 schreibt sie an ihren Sohn: «Ich bin jetzt ganz pflichtenlos, habe sogar meine Entlassung als Vorstandmitglied vom Spital eingegeben und eigentlich keine andere Aufgabe als Kinderfürsorge.» Eine Aufgabe, die sie bis zuletzt wahrnimmt. 1916 stirbt sie im Alter von 70 Jahren – auf den Knien eine Liste mit den Namen ihrer Schützlinge.

Sibylle Zambon-Akeret

zurück zur Übersicht

Noch vom Krankenbett aus kümmert sich die Ärztin und Mutter Marie Heim-Vögtlin um ihre Mitmenschen.

Bild: Wikimedia Commons, ETH-Bibliothek Zürich
mime file icon Gottesdienstplan (35 KB)
Webdesign: dfp.ch | Umsetzung: chrisign gmbh