Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 8

Auf der Turmspitze ein Halbmond?

Neuer Geschichtsband erschienen

Jetzt ist der Abschlussband der Reihe «Der Thurgau im späten Mittelalter» erschienen: «Umbruch am Bodensee – Vom Konstanzer Konzil zur Reformation». Neue Forschungsergebnisse, Bestandsaufnahme von Thurgauer Klöstern und Kirchen sowie viele spannende und lustige Geschichten von historischen Personen bringen Licht in das Spätmittelalter der Bodensee-Region. Das Buch ist reich bebildert. Durch seine einfache verständliche Sprache lädt es zum Stöbern, Verweilen und zur fesselnden Vertiefung ein.

Während des Konzils von 1414 bis 1418 war Konstanz lebendig wie ein Bienenstock. Zigtausende Besucher aus ganz Europa wurden von Händlern, Handwerkern und der Landbevölkerung versorgt. Als die Masse ging, verarmte die Hauptstadt. 1460 eroberten die Eidgenossen den Thurgau. Sie hatten aber wenig Macht. Im Thurgau behielten die Klöster, der Bischof von Konstanz und die meist habsburgisch gesinnten Adeligen ihre Besitztümer, Macht und Gerichtsherrschaft bis 1798. Das Landgericht des Thurgaus blieb bis 1499 in Konstanz. Es kam erst nach dem Schwabenkrieg nach Frauenfeld, das seit 1460 eigentlich die Hauptstadt des Untertanengebiets war.

Klöster, Kirchen, Pilgerwege

Die reiche Sakrallandschaft im Thurgau mit ihren Klöstern, Kirchen und Pilgerwegen nimmt im Band einen breiten Raum ein. So legt Peter Erni – einer der 17 Autoren und Autorinnen – dar, weshalb die Entstehung der Wandmalereien in der Kapelle Landschlacht mit dem Konstanzer Konzil zusammenhängen. Auch die Erlebnisse eines Pilgers sind auf unterhaltsame Weise nachzuerleben. Endlich erhält man durch den Doppelband eine Bestandsaufnahme aller nachgewiesenen Klöster und klösterlichen Gemeinschaften im Thurgau.

Kirchenbau-Boom im Thurgau

Viele Thurgauer Bauern kamen zu einem gewissen Reichtum. Die Landbevölkerung finanzierte den Bau und die Verschönerung von Kirchen, verlangte aber gleichzeitig eine bessere Seelsorge vor Ort. Sie stellte Forderungen an den Bischof von Konstanz, der ihr oberster Ansprechpartner in kirchlichen Belangen war. «Es geht um die Kirche im Dorf», betont die Herausgeberin Silvia Volkart, «eine bislang wenig beachtete, wirkungsmächtige Bewegung in der ländlichen Bevölkerung im Vorfeld der Reformation. Um 1500 hatte der Wunsch nach Selbstbestimmung in kirchlichen Fragen die meisten der rund 200 Kirchgemeinden im Thurgau erfasst.» Das Thema wird im Band historisch und architekturhistorisch erstmals beleuchtet.

Das Rätsel von Konstanz am Bosporus

Sensationelles gibt es auf dem sogenannten «Feldbacher Altar», der im Historischen Museum Thurgau im Schloss Frauenfeld ausgestellt ist. Dominik Gügel entdeckte in der Landschaft der Kreuzigungsszene Kurioses: Der Maler siedelte die Stadt Konstanz am Bosporus an. Die Schiffe auf dem vermeintlichen Bodensee segeln unter osmanischer Flagge mit rotem Halbmond. Anstatt eines Kreuzes trägt der gotische Turm ebenfalls einen Halbmond. Ein Muezzin ruft zum Gebet. Welche Botschaft will der Maler oder Stifter vermitteln? «Die Auflösung des Rätsels ist im Buch zu lesen», mehr verrät Silvia Volkart nicht und macht damit Lust darauf, das neue Buch selber zu lesen.

Eine andere reformatorische Entwicklung

Der Thurgau hatte keinen eigenen Reformator. Einflüsse kamen von den Anhängern Zwinglis aus Zürich und von lutherischem Gedankengut aus Konstanz. Der katholische Landvogt versuchte alles gegen die Ausbreitung des neuen Glaubens zu unternehmen. Ebenso bremste der Einfluss vom Adel, Bischof und von den Klöstern den Prozess. 1524 eskalierte die Situation: Es kam zum Bauernsturm auf das Kloster Ittingen. Peter Kamber beleuchtet dieses einschneidende Ereignis fesselnd und unterhaltsam. Im Vergleich zu anderen reformatorischen Kantonen ging der Thurgau einen schwierigen Weg in der gespaltenen Kirche. Interessante Geschichten erhellen, in welcher Kirche zuerst katholische Messe oder evangelischer Gottesdienst gefeiert werden durfte. Im aufgeschlossenen Kloster Münsterlingen war es sogar möglich, dass katholische und reformierte Nonnen miteinander lebten. Der Thurgau war im Spätmittelalter etwas Besonderes.

Judith Keller

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Buchtipp

Der Thurgau im späten Mittelalter
Doppelband 3/4: Umbruch am Bodensee.

Der abschliessende Band der Reihe «Der Thurgau im späten Mittelalter» handelt vom Eindringen der Eidgenossen in thurgauische Gebiete bis zur Eroberung im Jahr 1460. Er beleuchtet die spätmittelalterliche Religiosität und geht der Frage nach, weshalb der um 1520 anbrechende reformatorische Umsturz bei der ländlichen Bevölkerung einen guten Nährboden fand. Farbenprächtige Chronikdarstellungen, historische Ansichten, Fotos von Bauten und Denkmälern sowie Karten zu politischen Ereignissen illustrieren diese Entdeckungsreise.

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Kreuzigungsszene vor See- und Stadtlandschaft (Ausschnitt aus dem Feldbacher Altar, nach 1453, Historisches Museum Thurgau, Frauenfeld)

Bild: © 2018 NZZ Libro und Kanton Thurgau
Autor: Silvia Volkart (Hrsg.)
Verlag: NZZ libro
ISBN 978-3-03810-312-7
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