Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 8

Koloss auf tönernen Füssen

Redewendungen aus der Bibel

Eine Staatsmacht, eine Vereinigung, ein Vorhaben oder eine Aussage können auf «tönernen Füssen stehen». Dies meint, dass ihre Stärke überschätzt wird, sie kein Fundament haben, sie anfälliger sind als es offenkundig scheint und sie durchaus auch scheitern können, bzw. eine Aussage zurückgenommen werden muss.

Der «Koloss auf tönernen Füssen» stammt nicht aus dem Privatleben, sondern hier atmet die grosse Politik. Die Redewendung hat ihren Ursprung im Danielbuch, einer Schrift voller Visionen und Apokalyptik, in einer Zeit des Exils und der Bedrohung des jüdischen Volkes. Nach allerhand Verwicklungen hat der jüdische Traumdeuter Daniel eine Audienz beim babylonischen Herrscher Nebukadnezar, der – ähnlich dem ägyptischen Pharao einige Jahrhunderte zuvor – von bedrohlichen Träumen geplagt wird. In einem taucht ein riesenhaftes Standbild auf: mit einem Haupt aus reinem Gold, Brust und Armen aus Silber, Rumpf und Hüften aus Bronze, Beine aus Eisen. Die Füsse aber bestehen aus Ton. Ein einzelner Stein trifft die Füsse, die daraufhin zu Staub zerfallen und den ganzen Koloss zum Einsturz bringen. Der Stein ist unschwer zu erkennen als die Herrschaft Gottes, welche irdische Grossreiche aushöhlt, niederwälzt und zermalmt. Er wächst zu einem grossen Berg, der die ganze Erde erfüllt.

Ein irdisches Gottesreich, wie es den Verfassern des Danielbuchs vorgeschwebt haben mag, können wir uns heute nur schwer vorstellen. Entsprechende Versuche aus anderen Religionstraditionen dürften eher abschreckend wirken. Gerade Christinnen und Christen müssten gegenüber irdischen Reichsentwürfen eine umso grössere Distanz einnehmen, auch wenn diese unter dem Vorzeichen eines Gottes stehen.

Der Kraft und Intensität dieses alttestamentlichen Bildes hat dies aber keinen Abbruch getan, im Gegenteil. Es ist heute überall zu finden, wo ein Machtanspruch ohne moralisch legitime und solide Grundlage erhoben oder ausgelebt wird – oder wenn eine Entscheidung getroffen wird, die offenkundig Fairness und Nachhaltigkeit ausser Acht lässt. Wenn wir nicht achtgeben, kann alles Mögliche zum «Koloss auf tönernen Füssen» werden: die künstliche Förderung eines Industriezweigs, der längst der Vergangenheit angehört. Das Arrangement mit einem autoritären Herrscher, der bei der eigenen Bevölkerung keinen Rückhalt geniesst. Wenn wir die gegenwärtige politische Lage betrachten, werden uns sicher noch weitere Beispiele einfallen.

Ann-Katrin Gässlein,
Theologin bei der Cityseelsorge St. Gallen

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Bild: Alina Martin
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