Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Aktuelle Ausgabe Nr. 8

«Die Königin ist ein Phänomen»

Staunen über die Honigbiene

Wenn im Frühjahr die ersten Sonnenstrahlen Wärme spenden, liegt bald ein Summen in der Luft: Bienen schwärmen aus, auf der Suche nach den ersten Blüten. Hinter diesem kleinen Insekt verbirgt sich eine eigene, faszinierende Welt. forumKirche informierte sich bei Daniel Brunner, Imker aus Weinfelden und Fachberater Imkerei. Dieser gab interessante Einblicke in das Leben von Bienenvölkern und deren Pflege.

Bienen machen keinen Winterschlaf. «Sie sind in der Wintertraube», erklärt Daniel Brunner, «das heisst sie rücken dicht zueinander, um sich gegenseitig warm zu geben.» Im Herbst erhalten sie Zuckerwasser, das sie zu Honig verarbeiten. Von diesem ernähren sie sich während der Wintermonate. Bei etwa 12 bis 13 Grad beginnen sie im Frühjahr dann auszuschwärmen. Eine ihrer ersten Aktionen ist das Entleeren der Kotblase, die sich während der Wintermonate gefüllt hat. «Bienen halten nämlich ihren Stock sauber», sagt Daniel Brunner. Manche fliegen auch schon bei etwa 8 Grad aus, wenn Larven gefüttert werden müssen und dazu Wasser herbeigeschafft werden muss.

Aus Nektar wird Honig

In einem Bienenstock leben drei Typen von Bienen. Der grösste von ihnen ist die Königin. Sie ist das einzig voll entwickelte Weibchen im Stock und damit die «Mutter» des ganzen Bienenstaates. Die Mehrzahl des Volkes besteht aus Arbeiterinnen, deren Aufgabe es ist, Nahrung zu beschaffen und die Larven damit zu versorgen. Mit ihrem Giftstachel können sie ausserdem ihren Stock verteidigen. Arbeiterinnen besitzen auch Eierstöcke, die funktionsfähig ausgebildet sind. Durch eine Botenstoffmischung der Königin wird deren Funktion allerdings unterdrückt, so dass sie keine Eier legen. Von April bis Juni wachsen im Stock etwa 500 bis 2000 männliche Bienen, sogenannte Drohnen, heran. Sie sind grösser als die Arbeiterinnen und besitzen keinen Stachel. Sie sind vor allem für die Fortpflanzung von Bedeutung.

Als Nahrung dienen den Bienen Pollen und Nektar. Den Pollen sammeln die Arbeiterinnen in «Körbchen» an ihren Hinterbeinen. «Den Nektar reichern sie zunächst in ihrem Honigmagen mit Enzymen an», so Brunner. Beides bringen sie dann in den Stock, wo es in Vorratswaben gelagert wird. Auch die kunstvollen, sechseckigen Waben kommen aus der eigenen Produktion. Die Bienen haben Drüsen, mit deren Hilfe sie Wachs «schwitzen» können.

Königliche Kost

Im Winter beherbergt ein Stock etwa 10‘000 Bienen. Im Frühjahr wächst die Population stetig an, bis sie im Frühsommer etwa die Zahl 20‘000 bis 40‘000 erreicht. Verantwortlich für diesen Zuwachs ist eine einzige Königin. «Die Königin ist ein Phänomen», schwärmt Daniel Brunner, «sie legt pro Tag zwischen 1000 und 1500 Eiern. Das ist mehr als ihr eigenes Körpergewicht.» In der Regel legt die Königin befruchtete Eier, aus denen nach 21 Tagen neue Arbeiterinnen schlüpfen. Ab April kommen aber auch unbefruchtete Eier dazu, die sich in 24 Tage zu Drohnen entwickeln. Und wie entsteht eine neue Königin? «Diese wird nicht geboren, sondern gezüchtet», erläutert Daniel Brunner. Ab einer gewissen Grösse entscheidet ein Bienenvolk sich dazu, eine normale Larve mit, einer besonderen Nährflüssigkeit, dem Gelée royal, zu füttern. Dieser bewirkt, dass aus der Larve keine Arbeiterin, sondern eine Königin entsteht.

Aus eins mach zwei

Erreicht die heranwachsende Königin eine gewisse Grösse, verlässt die alte Königin den Stock (Mitte April bis Mitte Mai). Etwa die Hälfte der Arbeiterinnen folgen ihr. Der abgehende Schwarm sucht sich mit Hilfe von Kundschafterinnen einen geeigneten Ort, wo er sich ein neues Nest aufbauen kann. Wird er von einem Imker gefunden, kann dieser ihm in einem unbewohnten Bienenkasten ein neues Zuhause geben. «In der freien Natur überlebt ein solcher Schwarm in der Regel nicht», sagt Daniel Brunner.

Die junge Königin fliegt etwa im Alter von sechs Tagen mehrmals zu einem Hochzeitsflug aus. Dabei paart sie sich mit Drohnen aus anderen Staaten hoch in der Luft. Danach kehrt Königin in ihren Stock zurück. Die Drohnen sterben nach der Befruchtung. Die übrigen Drohnen werden im Spätsommer bei der sogenannten «Drohnenschlacht» aus dem Stock vertrieben.

Hilfe gegen einen Parasit

Die Menschen freuen sich am Honig, aber sie sind auch für die Bienen da. «Unsere Honigbiene braucht den Imker», ist Daniel Brunner überzeugt. Der Grund dafür ist vor allem die Varroamilbe, ein Parasit, der 1984 durch Bienenimporte aus Südostasien in die Schweiz kam. «Wenn man seine Völker nicht behandelt, hat man nach zwei bis drei Jahren keine mehr», warnt der Fachmann. Behandelt wird nur, wenn der Honigraum leer ist, im Spätherbst zwei Mal mit Ameisensäure, die auch sonst im Honig enthalten ist, und im Winter mit Oxalsäure. Ausserdem schaut der Imker danach, dass seine Bienen genug zu Fressen haben. Neben der Herbstfütterung, die bis zum Bettag abgeschlossen ist, können weitere Gaben von Zuckerwasser nötig sein, z. B. wenn der Winter zu mild ist und die Bienen zu früh fliegen oder wenn es nach der Entnahme des Honigs keine Blüten mehr gibt. Der Thurgau bietet den Bienen mit seinen Obstplantagen und Rapsfeldern reichlich Nahrung. Deshalb können die Imker zum Teil zwei Mal schleudern: im Frühling den Blütenhonig und, wenn es genug Läuse gibt, im Sommer den Waldhonig.

Fleissige Bestäuber

Doch die Bienen sind nicht nur wegen ihres Honigs wertvoll. Sie tragen entscheidend dazu bei, Kulturpflanzen zu bestäuben. Aus diesem Grund zählt die Honigbiene nach Rindern und Schweinen zum drittwichtigsten Nutztier. «Im Frühling ist die Honigbiene das einzige Insekt, das in Massen bestäuben kann», sagt Daniel Brunner. Wildbienen sind von der Anzahl her geringer. Bei den Wespen überwintern nur die Königinnen. Sie vermehren sich nur langsam und erreichen erst im Spätsommer eine grosse Population. Bei den Bienen hingegen überwintert ein ganzes Volk, das sich im Frühjahr schnell vermehrt. «Ohne die Honigbienen wären die Erträge unserer Obstbäume, Rapsfelder und Beerensträucher deutlich geringer», sagt Daniel Brunner.

Dies sind für ihn wichtige Gründe dafür, auf Bienen Rücksicht zu nehmen, z. B. indem man in Hausgärten so wenig wie möglich Spritzmittel einsetzt, im Rasen auch verschiedene Blumen duldet oder mancherorts sogar Blumenwiesen ansät.

Detlef Kissner

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Eine Biene im Anflug. Die «Körbchen» an den Hinterbeinen sind mit Pollen gefüllt.

Bild: pixabay.com
Die Imkerei ist für Daniel Brunner ein wohltuender Ausgleich.

Bild: Detlef Kissner
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