Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 5

Befreiung damals und heute

Christen feiern den Sederabend

Wer wissen möchte, was ein Sederabend ist, muss ihn selbst einmal mitgefeiert haben. Davon ist Bruno Strassmann, Leiter der kirchlichen Erwachsenenbildung, überzeugt. Deshalb bietet er und Barbara Schicker, Leiterin der Mediothek, jedes Jahr in der Karwoche Interessierten die Gelegenheit, an dieser jüdischen Tradition teilzunehmen.

«Warum ist diese Nacht so anders als die anderen Nächte?», fragt der Jüngste in die Runde der Feiernden hinein. Die rituelle Antwort des Familienoberhauptes, die Symbole, Lesungen und Gebete weisen alle in eine Richtung: weil die Juden sich in dieser Nacht daran erinnern, wie Gott ihre Vorfahren aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. «Dieses Befreiungserlebnis ist für die Juden die Urerfahrung mit ihrem Gott. Es ist der Angelpunkt, auf den sie sich immer wieder berufen und der ihnen Identität verleiht», sagt Bruno Strassmann.

Der Sederabend ist Auftakt und zugleich Höhepunkt des Pessachfestes, das eine Woche lang gefeiert wird. Neben der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten sind in dieses Fest auch Elemente eines alten Frühlingsfestes eingeflossen, in denen vor allem der Dank für die ersten Früchte des Jahres zum Ausdruck kommt. Der Sederabend wird im Kreis der Familie gefeiert und hat nach der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) entscheidend zur Tradierung des jüdischen Glaubens beigetragen. «Bis heute ist die Feier dieses Abends im Judentum weit verbreitet, selbst bei denen, die diesem Glauben nicht traditionell verbunden sind», sagt Bruno Strassmann.

Speisen mit Symbolgehalt

Beim Sederabend wird nicht nur gebetet und gesungen, sondern auch miteinander gegessen: Die Mitfeiernden geniessen Lammbraten, Wein und andere Köstlich - keiten. «Es ist ein Fest, das viele Sinne anspricht», sagt Strassmann. Dabei folgt der Abend einem klaren Verlauf – Seder bedeutet Ordnung –, der allen Beteiligten in einer kleinen liturgischen Anleitung, der Haggada, vorliegt.

Auch die einzelnen Speisen sind bei diesem Mahl vorgeschrieben, weil mit ihnen eine tiefere Symbolik verbunden ist. So erinnern die Bitterkräuter an die bitteren Zeiten, die das Volk Israel in Ägypten erlebte, das Salzwasser an ihre Tränen, das Fruchtmus (Charosset) an die Lehmziegel, die sie herstellen mussten, und die Mazzen an den Brotteig, den sie wegen des schnellen Aufbruchs ungesäuert mitnehmen mussten. Trotz dieser Dramaturgie sind auch spielerische Elemente, wie das Verstecken eines Mazzenstücks, integriert.

Zugang zum eigenen Glauben

Was macht dieses Fest nun so interessant für Christen? Für Bruno Strassmann ist klar, dass man die christliche Botschaft ohne das Pessachfest nicht richtig verstehen kann: «Jesus war Jude. Das letzte Abendmahl, aus dem die Eucharistie hervorgegangen ist, steht in einer engen Verbindung zum Pessach bzw. Sederabend.» Ausserdem sieht er in den Vorstellungen, die mit dem Sedermahl verbunden sind, die Grundlage für das christliche Sakramentenverständnis. Denn beim Rückblick auf den Auszug wird ausdrücklich betont, dass es sich nicht nur um eine längst vergangene Befreiung handelt, sondern um eine, die sich in allen Zeiten vollzieht, bis heute. Gott ist auch heute den Menschen nahe – wie im Sakrament – und möchte sie von verschiedenen Formen aus der Knechtschaft befreien.

Bruno Strassmann und Barbara Schicker, die den Abend gemeinsam leiten, ist es wichtig, dass die Mitfeiernden zum besseren Verständnis eine Einführung in das jüdische Fest erhalten. «Anschliessend feiern wir den Sederabend entlang der liturgischen Vorgabe – in Respekt und Wertschätzung dieser jüdischen Tradition. Lediglich beim Brechen des Brotes und dem Lobpreis des Weines weisen wir auf den Bezug zum Abendmahl hin», erklärt Strassmann.

Verstehen durch Mitfeiern

Für den Theologen ist es berührend, wie die Juden ihrer Pessach-Tradition und ihrem Glauben trotz Leid und Verfolgung durch all die Jahrhunderte treu bleiben konnten. Das Feiern dieses liturgischen Mahls in der Gemeinschaft mit anderen erlebt er immer wieder als sehr bewegend. Den Sederabend mit seiner Botschaft kann man nur verstehen – so seine Überzeugung –, wenn man sich selbst hineinbegibt und mitfeiert: «Erst im Vollzug der Liturgie beginnen die einzelnen Symbole zu sprechen, entfalten sie ihre Kraft.» Auch von Teilnehmenden hört er, dass sie der Abend, der in einer gelösten Atmosphäre stattfindet, berührt und ihnen einen intensiveren Zugang zum eigenen Glauben und den jüdischen Wurzeln eröffnet.

Detlef Kissner

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Barbara Schicker und Bruno Strassmann führen durch den Sederabend.

Bild: zVg
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