Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 3

Die sieben fetten und die sieben mageren Jahre

Redewendungen aus der Bibel

Mit dem Ausspruch «Die fetten Jahre sind vorbei» möchte man sagen, dass eine Zeit des Wohlstandes, des Überflusses oder im übertragenen Sinn des Erfolges zu Ende geht.

In guten Tagen vorsorgen für schlechte, die kommen werden. Das tönt vernünftig, leuchtet allen ein, ist irgendwie auch banal, ja harmlos. Die Bibel, aus der das Bild der sieben fetten und mageren Jahre stammt (Gen 41-48), ist aber selten banal und harmlos, im Gegenteil. Der Pharao sieht im Traum sieben fette Kühe dem Nil entsteigen, danach sieben magere. Die mageren fressen die fetten und werden doch nicht dick dabei. Der Traum ängstigt ihn, aber der Kanaanäer Josef, einer der wichtigsten Beamten im Pharaonenstaat mit zwielichtiger Karriere, beruhigt ihn mit seiner Auslegung: Ägypten dürfe sich auf sieben Jahre mit reichen Ernten freuen, danach folgten sieben Hungerjahre. Er schlägt dem Pharao auch vor, was zu tun sei. Als Dank für Josefs schlaue Idee erhält dieser die Tochter eines hohen Priesters zur Frau und wird, gleich nach dem Pharao, die Nummer Zwei im Reich.

Was war nun Josefs Idee? Vorräte anzulegen, damit in Notzeiten alle genug zu essen hätten? So sieht es auf den ersten, naiven Blick aus. Tatsächlich kauft Josef für den Pharao die gesamten Ernten der fetten Jahre auf und bunkert sie in staatlichen Getreidesilos. Als die Not hereinbricht, lässt er aber nicht etwa Korn verteilen. Nein, er verkauft es gegen Bares. Und als «alles Geld, das in Ägypten im Umlauf war, im Palast des Pharaos lag» (47,14), knöpfte Josef den Hungernden ihr Vieh ab. Und als niemand mehr Vieh hatte, mussten sie ihr Land hergeben – oder verhungern: «So wurde das Land Eigentum des Pharao. Das Volk aber machte er ihm leibeigen von einem Ende Ägyptens bis zum anderen» (47,20f). Josef nutzt also die Not der Menschen gnadenlos aus, um den Reichtum des Pharaos zu mehren – und wohl auch seinen eigenen. Wer bis jetzt glaubte, an der Aktienbörse auf schlechte Ernten zu wetten und dann am Hunger der Armen zu verdienen, sei eine perfide Idee des modernen Kapitalismus, der irrt. Der Kapitalismus hat die Idee vielleicht noch verfeinert, aber zuerst entwickelt und umgesetzt hat sie der gleich gerissene wie hinterhältige Josef, Lieblingssohn des biblischen Patriarchen Jakob.

Von fetten Jahren, die vorbei seien, von enger zu schnallenden Gürteln, um die mageren Zeiten zu überstehen, hören wir auch heute immer wieder. Sei es bei den Pensionskassen, der AHV, der Lohntüte, den Steuerreformen. Wenn diese Rede ertönt, wäre mit der Bibel kritisch zu fragen: Für wen sind die fetten Jahre vorbei, für wen brechen die mageren an? Und für wen sind die mageren Jahre die ganz fetten?

Simon Spengler, Journalist

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Bild: pixabay.com
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