Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 3

«Meine Kindheit möchte ich nicht für 10 Millionen zurückhaben»

Eine Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen

Die obige Aussage machten MarieLies Birchler und ihr Bruder, nachdem sie 1951 bis 1963 im Kinderheim Einsiedeln misshandelt, gedemütigt und gequält wurden. Ihr Bruder machte Suizid und sie (68) leidet heute noch an den Folterungen. Bis zum 31. März 2018 können Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen einen Antrag für einen Solidaritätsbeitrag stellen. Dieser ist vor allem eine Anerkennung ihres Missbrauchs und eine Wiedergutmachung des Bundes. Ein düsteres Kapitel der Schweizer Geschichte wird aufgearbeitet.

Frau Birchler, Sie waren damals 20 Monate und Ihr Bruder 8 Monate alt, als Sie angeblich wegen eines kurzen Erholungsaufenthalts ins Kinderheim Einsiedeln kamen. Daraus wurden 12 Jahre. Die Behörde entzog Ihren Eltern auch das Sorgerecht. Was haben Sie im Kinderheim Schlimmes erlebt?

Es war für mich traumatisierend, als ich mit circa vier Jahren Bettnässerin wurde. Eine Nonne hatte mich abends aus dem Bett geholt und in eine Badewanne mit eiskaltem Wasser gesteckt. Dann musste ich bis zehn zählen, aber ich konnte das noch gar nicht. Sie hat es mir mit Fingern vorgezeigt, dann meine Haare am Hinterkopf gepackt und mich unter Wasser gedrückt. Und zwar solange bis ich beinahe erstickt wäre. Und das Untertauchen geschah ein paarmal. Danach holte sie mich aus der Wanne und schlug mich mit dem Stiel eines Teppichklopfers auf den nackten Körper. Das war ein allabendliches Ritual gewesen – als Strafe – und das ging über Monate. Ich hatte den ganzen Tag vor dem Abend Angst gehabt.

Welche Erfahrung haben Sie als Kind gemacht, als Sie krank wurden?

Als wir zum Abendgebet auf den Bänken der Kapelle knieten, schmerzten mir die Ohren stark und meine Unterhose wurde nass. Ich hielt dies dann nicht mehr aus und äusserte das. Die Nonne meinte, dass ich die Schmerzen nur vorschiebe und schlug mir mit aller Wucht auf die Ohren. Der Eiter musste zuerst aus den Ohren fliessen, bevor mir geglaubt wurde. Aus solchen Erfahrungen lernten wir früh, nichts mehr zu sagen, nur auszuhalten und durchzuhalten! Denn bei körperlichen Schmerzen folgten noch mehr Schmerzen. Bei seelischen Nöten folgte noch mehr seelische Not.

Woran leiden Sie heute noch aufgrund Ihrer schrecklichen Kindheitserlebnisse?

Ein Grunderlebnis ist einerseits die Unsicherheit und andererseits die Angst vor engen Räumen. Ganz traumatisierend war, dass die Nonnen mich immer mehr isoliert haben. Sie haben mir immer wieder gesagt, ich sei vom Teufel besessen. Ich werde die Klosterfrauen noch ins Grab bringen. Dann hiess es, ich sei eine Gefahr für die anderen Kinder und alle Nonnen. Darum bin ich tage- und nächtelang in einer Kammer auf dem dunklen Estrich eingesperrt worden. Ich habe mich sehr verlassen und alleine gefühlt. Mal kam jemand rein, hat mir einen Eimer voll Wasser über meinen Körper ausgeschüttet und ist wieder gegangen. Immer wieder haben sie mich gelehrt: «Wen der Herr liebt, den züchtigt er!» – und haben so auf mich eingeprügelt.

Wie haben Sie es geschafft, das zu überleben?

Ich war eine, die rebelliert hat und habe mich gewehrt. Was für mich wichtig war und ist, vorwärts zu schauen, mein Leben selber in die Hand zu nehmen. Durch Trauma-Therapien fühle ich, dass ich vieles verarbeiten kann. Jetzt kann ich darüber reden.

Was ist mit Ihrem Bruder passiert?

Mein Bruder ist mit zehn Jahren aus dem Heim herausgerissen worden und damit waren wir getrennt. Als Verdingbub ist er zu einer Bauernfamilie gekommen. Dann wurde er Trinker und Drogenabhängiger. Er hat fast sein ganzes Leben nur in Arbeitserziehungsanstalten, Gefängnissen und Psychiatrien verbracht. Das war für mich schwierig gewesen, weil ich ihm nicht helfen konnte. Ich konnte nur da sein, wenn er mich brauchte. Mit 27 Jahren schrieb er kurz vor seinem Suizid an seinen Vormund: «Meine Kindheit und Jungenzeit möchte ich nicht für 10 Millionen zurückhaben.» Diese Aussage unterschreibe ich auch.

Empfehlen Sie anderen Betroffenen von solchen Zwangsmassnahmen, ein Gesuch für einen Solidaritätsbeitrag zu stellen?

Ich kenne so viele Betroffene, die haben wie mein Bruder Suizid begangen. Sie können nicht mehr sprechen. Tausende von damaligen Kindern, die nicht darüber reden können oder wollen, haben jetzt ein Recht darauf. Ich empfehle ihnen, dieses Gesuch bei der Opferhilfe zu machen, die alles Weitere erledigt. Man muss nicht seine ganze Geschichte erzählen und sich nicht um Akten kümmern.

Was denken Sie über diesen Solidaritätsbeitrag, den der Bund allen Opfern von Zwangsmassnahmen zuspricht?

Es ist endlich eine Anerkennung dieser Missstände, die in der Schweiz passiert sind. Vorher hat sich niemand für diese Opfer interessiert. Das, was ich erlebt habe, kann man nicht mit Geld gutmachen. All die Therapien und das Unverarbeitete sind nicht bezahlbar. Wichtig ist, dass da Licht in diese dunkle Zeit reinkommt. Das glaubt sonst niemand. Das soll heute nicht mehr vorkommen. Die Sensibilisierung hat jetzt endlich stattgefunden.

Interview: Judith Keller

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Wer hat Anrecht auf einen Solidaritätsbeitrag?

Zu den Opfern zählen insbesondere Verding- und Heimkinder, sogenannte «administrativ Versorgte», Personen, die Zwangs-Abtreibung oder
-Sterilisation erfuhren, Zwangsadoptierte und Personen, an denen Medikamentenversuche durchgeführt wurden. Information Betroffene werden ermutigt, vor dem 28. März 2018 Kontakt zu ihrer kantonalen Anlaufstelle aufzunehmen. Ihnen wird beim Ausfüllen des Formulars geholfen. Staatsarchive kümmern sich um fehlende Dokumente. Die Mitarbeiter unterstehen der Schweigepflicht.

Antrag in SH:
Fachstelle für Gewaltbetroffene Neustadt 23, 8200 Schaffhausen
T 052 625 25 00 (Herr Plüss) F 052 625 60 68
fachstelle@fsgb-sh.ch www.fsgb-sh.ch

Antrag in TG:
Staatsarchiv des Kantons Thurgau Zürcherstrasse 221, 8510 Frauenfeld
T 058 345 16 00 (Herr Stäheli) F 058 345 16 01
www.staatsarchiv.tg.ch

■ Nähere Infos und Gesuchsformular: www.ejpd.admin.ch
Historische Aufarbeitungen: www.kinderheime-schweiz.ch

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MarieLies Birchler im Video-Interview mit Historiker Thomas Huonker (2015).

Bild: www.kinderheime-schweiz.ch
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