Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Aktuelle Ausgabe Nr. 23

«Bruder Klaus war ein Komet»

Der Heilige als Fingerzeig Gottes

Der reformierte Pfarrer im Ruhestand, Geri Keller, hat ein Buch über Niklaus von Flüe geschrieben. Er erklärt die Bedeutung des Schweizer Mystikers als Nationalheiliger.

Geri Keller, Sie schreiben in Ihrem Buch von einem «Herzensbekenntnis zu Bruder Klaus». Identifizieren Sie sich persönlich mit ihm?

Nichts würde mir fernerliegen! Klaus war ein Komet in der Geschichte der Menschheit, wie er nur selten gesehen wird. Aber je länger man sich mit ihm beschäftigt, desto mehr wächst die Liebe zu diesem Mann. Er setzte alles auf eine Karte, um seinen Gott zu kennen und ihm allein dienen zu können. Dafür hat er alles losgelassen: eine grosse Familie, seinen gesellschaftlichen Status als hoch geachteten Regierungsvertreter, Richter und Mediator. Dazu die Annehmlichkeiten eines bürgerlichen Lebens. Dass er während zwanzig Jahren nicht mehr essen und trinken musste, betrachtete er als Gnade.

Mystiker, Friedensstifter, Landesvater, Heiliger, Mensch. Was sticht für Sie an der Person Bruder Klaus heraus?

Eindeutig der Mensch. Bruder Klaus hat nie versucht, aus sich einen Heiligen zu machen. Bei ihm gibt es keine frommen Augenaufschläge, kein religiöses Deo. Er war und blieb Mensch; echt, authentisch bis zur Fusssohle, die keine Schuhe mehr sah. Gott gestattete ihm auch nicht, ausser Landes zu gehen, um sich – fern vom alten Leben – nochmals neu zu erfinden. Nach schweren inneren Kämpfen war er schliesslich willens, sich sozusagen im Schaufenster der Ranft seinen eigenen und den Landsleuten zuzumuten. Noch heute führt der Weg in die Ranftschlucht hinunter am ehemaligen Wohnhaus von Bruder Klaus und seiner Frau Dorothea vorbei. So, wie der Menschensohn Jesus einer «von Nazareth» war, so musste auch Klaus ein «von Flüe» bleiben.

Im «Bruder-Klaus-Jahr» wurde viel über Bruder Klaus geschrieben und gesagt. Wird man seiner Person aus Ihrer Sicht gerecht?

Ich bin dankbar, dass als Motto über diesem Jahr «Mehr Ranft» gewählt wurde. Damit wird nicht zuerst ein Mensch gefeiert, so sehr wir auch von Bruder Klaus lernen können. Es geht für uns alle um ein «Hinab», um ein Innehalten, auch um ein In-sich-Hineinschauen und -Hineinhören. Wir sind schnell bereit, den Friedens- und Versöhnungsdienst von Bruder Klaus auf den Leuchter zu stellen. Doch dies sind die Früchte eines Lebens mit Gott. Das Wurzelwerk dieses Lebens, aus dem die durchschlagende Kraft und Autorität wächst, ist das Gebet und ein verborgenes Leben mit Gott.

Sie wählten als Untertitel Ihres Buches «Thesenanschlag Gottes». Sehen Sie Parallelen zwischen Bruder Klaus und Martin Luther?

Luther war wie Klaus; durch und durch Mensch, nur mit dem Unterschied, dass er gerne ass und trank. Auch in den Aussagen, dass Gott dem Menschen zugewandt ist und dass uns das Versöhnungswerk Jesu am Kreuz zu einem neuen Leben befreit, treffen sich die beiden. Bei beiden Männern kann man von einem revolutionären Thesenanschlag Gottes sprechen. Bei Luther, dem sprachgewaltigen Theologen und Bibelübersetzer, waren es seine 95 Thesen, die eine Erschütterung der damaligen Gesellschaft zur Folge hatten. Bruder Klaus hingegen war Analphabet, von dem uns nur wenig Diktiertes erhalten ist. Doch sein Leben mit Gott, sein radikaler Gehorsam und sein reiches Geistesleben bilden in sich einen bis heute nachwirkenden Thesenanschlag.

Wie deuten Sie die Visionen von Bruder Klaus? Welche Botschaft beinhalten sie für uns heute?

Ich verstehe sie als prophetisches Wort, das aus dem Herzen Gottes kommt und in sich eine Lebenskraft trägt, die uns nach Jahrhunderten noch berühren und treffen kann. Ich beschränke mich darauf, einige Grundaussagen anzudeuten. Da ist eine verzehrende Sehnsucht Gottes nach Gemeinschaft mit seinem Geschöpf zu spüren – nach dem Einswerden, wie es im hohepriesterlichen Gebet von Jesus in Johannes 17 geschildert wird. Natürlich bleibt Gott der heilige Gott, wie ihn Klaus erfahren hatte, und wir sind und bleiben seine Geschöpfe. Aber der Vater im Himmel verschenkt sich und seine Liebe masslos und verschwenderisch, wie es in der Brunnenvision beschrieben wird, wo sich das Herz Gottes wie in einer Sturzflut ausschüttet als Wein, Öl und Honig. Doch die Menschen sind so mit sich selber und ihrem Alltag beschäftigt, dass niemand hineingeht, um von diesem Reichtum zu schöpfen.

Wie ordnen Sie Marienerscheinungen von Bruder Klaus ein?

Niklaus von Flüe war ein katholischer Gläubiger in einer damals konfessionell noch nicht getrennten Kirche. Bilder zeigen ihn mit dem selbstverständlichen Attribut einer Gebetskette, später einmal Rosenkranz genannt. Dass er eine tiefe Liebe zu Maria hatte, die ihm gemäss einem Fresko einmal erschienen sein soll, ist ebenso bekannt. Und doch treten bei den Menschen guten Willens diese sogenannt «katholischen» Züge seines Glaubens völlig zurück hinter die alles überstrahlende Jesus- und Gottesliebe von Bruder Klaus. Deshalb wurde er auch – im Gegensatz zu vielen andern Heiligen – von Anfang an als eine ökumenische Gestalt wahrgenommen. Auch unsere Reformatoren sprachen mit Hochachtung von Bruder Klaus. Man ist versucht zu formulieren: Je mehr Jesus in uns lebt und sich ausprägt, desto weniger konfessionell Trennendes gibt es zwischen den Gläubigen.

Warum ist Niklaus von Flüe für uns, in unserer Zeit, immer noch bedeutsam? Was ist sein Vermächtnis?

Es gibt das geflügelte Wort: Ganz sein oder lass es ganz sein! Unsere Kirchen und Gemeinschaften leiden zum Teil unter einer grassierenden Halbherzigkeit derer, die sich doch Christinnen oder Christen nennen. Es dominiert das «Ich – Mein – Mir». Dabei wissen wir alle, dass die alte Lösung von Wilhelm Busch immer noch gilt: «Jesus unser Schicksal». Soll Hilfe kommen, denn nur durch ihn, und zwar auch durch ihn in uns, sagte doch schon Paulus: «Ich vermag alles durch den, der mich stark macht!» Gott hat sein Reich in unsere Hand gegeben. Es liegt jetzt an uns, dass wir uns Jesus ganz hingeben, damit es in Kraft kommen kann. Das Leben von Bruder Klaus, das vor 600 Jahren mit allen inneren Brüchen und Kämpfen begann, mag uns dazu ermutigen.

Interview: Christoph Bauernfeind/Idea-Spektrum/Red.

---------------------------------------------------------------------

Das ganze Interview unter:
https://www.ideaschweiz.ch/spektrum/detail/bruder-klaus-war-ein-komet-102492.html

---------------------------------------------------------------------

■ Infos zum Buch von Geri Keller «Der Name Jesus sei euer Gruss» bei www.schleifeverlag.ch

---------------------------------------------------------------------

zurück zur Übersicht

Geri Keller wünscht sich «Mehr Ranft».

Bild: Stiftung Schleife
mime file icon Gottesdienstplan (14 KB)
Webdesign: dfp.ch | Umsetzung: chrisign gmbh