Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Aktuelle Ausgabe Nr. 23

Bleiben

Anregungen zum Nachsinnen

Wir leben in vielerlei Hinsicht in einer «bewegten» Zeit. Es verändert sich viel, wir sind ständig unterwegs. Die Adventszeit bietet dazu ein Gegengewicht. Sie lädt dazu ein zu bleiben. Innezuhalten, um sich und andere wieder wahrzunehmen und so Sinn zu erfahren.

Kennen Sie das? Eigentlich wollten Sie nur kurz bei Freunden vorbeigehen und zwei ausgeliehene Bücher zurückbringen. Im Hausflur entspinnt sich ein Gespräch, das den gewöhnlichen Smalltalk durchbricht. Es folgt eine Einladung zum Kaffee, die Sie zögerlich annehmen: «Ok, aber nur kurz.» Schon beim Hinsetzen schieben Sie Ihre taktgebende To-do-Liste innerlich zur Seite. Es folgt ein Austausch über die Kinder, die Arbeit, die Herausforderungen des Alltags, über all das, was belastet, traurig ist, Kraft gibt und Freude bereitet. Sie hören zu, können Ihr Herz ausschütten, werden ruhiger – Begegnung eben. Unbemerkt, fast nebenbei, ist bei Ihnen der Entschluss gefallen, einfach zu bleiben. Später, auf dem Weg zum Auto, spüren Sie die wohlige Zufriedenheit: Es hat gut getan, den gewohnten Rhythmus zu durchbrechen und sich füreinander Zeit zu nehmen. Das, was noch zu erledigen war, kommt morgen dran. Manches braucht es auch gar nicht mehr.

Maria bleibt

Ob es Maria beim Besuch ihrer Verwandten Elisabeth auch so ergangen ist, lässt sich heute nicht mehr genau sagen. Das Lukasevangelium erzählt allerdings, dass Maria «etwa drei Monate bei ihr blieb», bevor sie wieder nach Hause zurückkehrte (Lk 1, 56). Das Leben der jungen Maria war aus den Fugen geraten. Sie war schwanger und noch nicht verheiratet. In dieser misslichen Lage suchte sie bei der älteren und erfahreneren Elisabeth nach Orientierung und Unterstützung. Diese nahm Maria offen auf: «Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen.» In den darauffolgenden Wochen haben die beiden Frauen sicherlich viel und intensiv über Marias Schicksal geredet und über das, was sie in der Begegnung mit dem Engel erlebt hat. Sie haben sich bestimmt auch über ihre beiden Kinder gefreut, die in ihnen heranreiften. Dadurch wurden für Maria die Versatzstücke ihres Lebens wieder neu zusammengefügt. Sie erhielt Kraft und Zuversicht, ihr Kind zu gebären. Diese Erzählung über die beiden Frauen ist für mich eine der zentralen Adventsgeschichten. Sie ist von ihrem Wesen her eine «Geschichte des Bleibens». Sie plädiert dafür, vor Schwierigkeiten nicht wegzulaufen, sondern ihnen standzuhalten, ihnen auf den Grund zu gehen, sie zu durchleben. Und sie zeigt, wie wichtig es ist, in solchen Situationen zusammenzubleiben, zusammenzustehen.

Sitzen bleiben, stehen bleiben

Die Frage «gehen oder bleiben?» begegnet uns immer wieder, schon in kleinen, unscheinbaren Entscheidungen. Hier wird ein «coffee to go» angeboten, dort lockt ein «drive in». Essen und Trinken werden eingebaut in unsere Fortbewegung von A nach B, werden zur Nebensache. Bleibt dafür keine eigene Zeit mehr? Warum können wir nicht einfach dort bleiben, wo wir unser Essen und Trinken bekommen und es in aller Ruhe geniessen? Es würde uns gut bekommen. Ähnlich ist es mit Angeboten für Augen und Ohren. Es tut gut, nach einem Fernseh- oder Kinofilm noch einen Augenblick sitzen zu bleiben, um das Erlebte nachwirken zu lassen. Gleiches gilt für einen Gottesdienst, der mit einem Orgelspiel ausklingt.

Die Fülle an Angeboten verlockt uns, möglichst viele davon wahrzunehmen und von einem zum anderen zu springen. Das Bleiben führt uns von der Oberfläche in die Tiefe. Ein Sinnbild für diese Grundhaltung sind für mich Kinder, die auf ihrem Schulweg anhalten, um die kleinen Wunder am Wegrand zu bestaunen.

Bei sich bleiben

Eine weitere Dimension des Bleibens ist die Fähigkeit, mit sich allein sein zu können. Das ist nicht immer einfach. Die Verlockung ist gross, sich mit jemandem zu treffen, zu telefonieren oder sich eine andere Ablenkung zu suchen. Wenn man alleine ist und still wird, melden sich Regungen, die sonst ungehört bleiben – unter Umständen auch unangenehme Gefühle wie Unruhe oder Zweifel. Und es tauchen Bedürfnisse und Sehnsüchte auf, die beachtet werden wollen. Wer einmal für sich bleibt, kann diese Signale wahrnehmen und darauf eingehen. Der Schriftsteller Bruno Dörig nennt diese Form des Bleibens «bei sich selbst zu Gast sein». Er verbindet damit «Pflege, Verweilen, liebevoller Umgang» mit sich selbst.

Das Wort Advent bedeutet «Ankunft»: Gott möchte bei uns ankommen. Dies kann nur geschehen, wenn wir gelernt haben, zu bleiben und bei uns daheim zu sein.

Detlef Kissner

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Es tut gut, zu verweilen, sich zwischendurch Zeit zu nehmen für andere.

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