Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Ausgabe Nr. 21

Ausbau der Macht statt Reformen

Zur Papstwahl in Konstanz vor 600 Jahren

Am 11. November 1417 ging ein Aufatmen durch die Christenheit: Das Konklave des Konstanzer Konzils (1414–18) wählte Martin V. zum alleinigen Papst und beseitigte damit die langjährige Spaltung der Kirche in drei Papstlager (Schisma). Der Theologe Jürgen Hoeren veröffentlichte dieses Jahr ein Buch über diesen Papst (siehe Buchtipp). forumKirche sprach mit ihm über die Umstände der Wahl und über die Person Martin V.

Wie kam es zum Schisma? Warum tat man sich so schwer, es aufzulösen?

Nachdem sechs Päpste in Avignon residiert hatten, kehrte Papst Gregor XI. 1377 nach Rom zurück. Daraufhin kam es in Avignon zu einer Gegenwahl, was zur Spaltung der Kirche führte. Auf dem Konzil von Pisa (1409) wollte man dieses Schisma mit der Wahl eines neuen Papstes überwinden. Stattdessen sahen sich nun alle drei Päpste als rechtmässige Nachfolger an. Aus der Zweiheit wurde eine verfluchte Dreiheit. Dies führte zu grossen Unruhen in der Christenheit. Jeder sah ein, dass es nicht drei Nachfolger auf dem Stuhl Petri als Vertreter Gottes geben kann. Auch für die weltliche Macht war diese Spaltung schlecht, weil sie merkte, dass die Moral und Ordnung in den Fürstentümern stark abnahm. König Sigismund war deshalb bemüht, wieder eine stabile Kirche zu bekommen. Da eine Einigung unter den drei Päpsten mit ihren Kardinalfraktionen aussichtslos war, strebte er ein Konzil an und gewann dafür Papst Johannes XXIII., der die grösste Gefolgschaft hatte. Die beiden anderen Päpste waren nicht bereit, am Konzil teilzunehmen.

Wie wurde schliesslich der Weg frei für die Wahl eines neuen Papstes?

Der entscheidende Schritt in Konstanz war, dass man im April 1415 das Dekret «Haec sancta» verabschiedete, in dem klar definiert wurde, dass das Konzil über dem Papst steht. Das war der klügste Schachzug. Nur dadurch wurde es überhaupt möglich, dass man einen einzigen neuen Papst wählen konnte.

Johannes XXIII. merkte bald nach der Ankunft in Konstanz, dass sein Wunsch, als alleiniger Papst aus dem Konzil hervorzugehen, nicht in Erfüllung gehen würde. Er ergriff daraufhin die Flucht, wurde gefangen genommen und dann zur Abdankung gezwungen. Der über 80-jährige Gregor XII. trat freiwillig zurück. Der dritte Papst, Benedikt XIII., wurde zur Abdankung gezwungen, indem König Sigismund dessen politische Unterstützer auf seine Seite zog. Damit war der Weg frei, das Konzil mit einer Papstwahl zu beenden.

Wer war Oddo Colonna, der in Konstanz zum Papst gewählt wurde?

Er war ein eifriger Anhänger Johannes XXIII. und hielt bis zuletzt an ihm fest. Er hat ihm nach dessen Absetzung sogar noch die Kardinalswürde verliehen. Als Kardinal setzte Oddo Colonna 1411 die Exkommunikation von Jan Hus durch, was schliesslich die Grundlage für dessen Hinrichtung in Konstanz war.

Er hatte weder die Diakons-, noch die Priester-, noch die Bischofsweihe und war eher ein unauffälliger Typ. Bei der Papstwahl waren aber die Italiener stark vertreten. Sie wussten: Wenn ein Papst in Rom wieder Boden unter die Füsse bekommen möchte, dann braucht er dort eine Hausmacht. Und die Familie der Colonna gehörte in Rom zur ersten Garde. Dennoch musste Oddo Colonna fast zwei Jahre lang seinen Einfluss spielen lassen, bis er in Rom einziehen konnte. Mit seiner Rückkehr liess er die am Boden liegende Stadt wieder aufleben.

Inwieweit gelang es Martin V. die katholischen Kirche zu reformieren?

Im Dekret «Frequens», das noch vor der Papstwahl verabschiedet wurde, wollte man sicherstellen, dass die Reform der Kirche auf weiteren Konzilien weitergeführt wird. Papst Martin V. berief auch ein Konzil nach Pavia, war aber selbst dort nicht anwesend. Ihm ging es nicht darum die Kirche zu reformieren oder sie zu demokratisieren. Sein Hauptanliegen war es, den Kirchenstaat wieder herzustellen, ein stabiles monarchisches Papstamt aufzubauen und damit seine innerkirchliche und politische Macht zu festigen. Dies ist ihm gelungen.

Welche Bedeutung hatte die Überwindung des Schismas?

Für die politischen Mächte und Kirche war es von grosser Bedeutung, dass es wieder einen Papst gab, der sagen konnte, wo es lang geht. Man hatte wieder das Bewusstsein, dass man zusammengehört, man wusste, was zu glauben ist. Ausserdem rückten die Osmanen auf Konstantinopel vor – ein Zentrum der Christenheit, das sie 1453 einnahmen. Bereits vor Konzilsbeginn ahnte man, dass dieses Desaster drohte. Es war klar, dass die Christen deren Aggression nur stoppen können, wenn sie als Einheit zusammenstehen.

Interview: Detlef Kissner

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■ Nähere Infos zu den Feierlichkeiten am 11. November unter www.konstanzer-konzil.de

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Buchtipp

Martin V.
Papst der Einheit und der Glaubenskriege

Der 11.11.1417 ist in die Kirchengeschichte eingegangen: Auf deutschem Boden wurde im Rahmen des Konstanzer Konzils ein Papst gewählt – ein Unikum bis heute. Die Wahl des einzigartig zusammengesetzten Konklaves fiel auf den Kardinal und Juristen Oddo Colonna, der sich Martin V. nannte und als erster Papst der Renaissance gilt. Das Schisma, das die Christenheit in drei Parteien gespalten hatte, war beendet, gross war die Hoffnung auf einen Neuanfang der Kirche. Anschaulich wie eindrücklich zeichnet das reich bebilderte Buch die Lebens- und Wirkspuren Martins V. nach. Es erörtert die mühsamen Schritte im Ringen um Reformen, liefert einen Abriss der wichtigsten kirchengeschichtlichen Ereignisse des 15. Jahrhunderts und ergründet eingehend, wie statt Reformen die Reformation Wirklichkeit wurde.

Autor: Jürgen Hoeren
Südverlag, 2017
ISBN 978-3-87800-105-8

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Der neugewählte Papst Martin V. reitet vom Kaufhaus zum Münster (Richental-Chronik).

Bild: Rosgartenmuseum Konstanz
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