Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 21

Ein Ort mittelalterlicher Lebensfülle

Besuch beim heiligen Leonhard in Landschlacht

Es ist ein Herbstmorgen, wie die Kapelle St. Leonhard wohl schon unzählige gesehen hat. Der Nebel hängt tief, nur gelegentlich macht sich die Sonne als weisse Scheibe bemerkbar. Die Tage des Erntedankes sind vorbei, die Wärme des Altweibersommers ist durchdringender Feuchtigkeit gewichen. Modergeruch macht sich breit. Eine mystische Stimmung liegt um das kleine Gotteshaus, dem mein Besuch gilt. Ein Haus mit einer Vergangenheit, die bis heute nicht ganz geklärt ist. An ihm sind tausend Jahre Geschichte vorbeigezogen, es hat der Reformation getrotzt, eine Zweckentfremdung überlebt und dabei seinen ursprünglichen Charakter bewahrt. Und so steht es da, am Rande des Weilers Landschlacht, in ländlicher Idylle: Als rechteckiger Bau mit dicken Steinmauern und einem giebelförmigen Ziegeldach, aus dessen Mitte ein schindelgedeckter Glockenturm ragt. Ohne diesen könnte man es auch für einen mittelalterlichen Speicher halten. Kein Schmuck, keine Farbe. Nichts deutet an, dass die Kapelle Wandmalereien beherbergt, die ihresgleichen suchen. Und ich frage mich: Wie kam die Kirche hierher?

Auf der Westseite der Kirche liegt der überdachte Kircheneingang. Hier treffe ich einen, der Antworten hat, wenn es um die St. Leonhardskapelle geht: Wolf-Dieter Burkhard. Der pensionierte Lehrer hat einen Kunstführer geschrieben und die Geschichte des Juwels – soweit vorhanden – aufgearbeitet. Er öffnet die Holztür. Der Innenraum liegt im spärlichen Tageslicht, denn das ist alles, was die mittelalterlichen Fenster zulassen. Obwohl der Raum nicht besonders gross ist, wirkt er einladend und erstaunlich weiträumig. «Es sind nicht seine ursprünglichen Dimensionen», weiss Burkhard und weist auf die Deckentäfelung. Deutlich erkennt man den Wechsel von romanischer Riemendecke zu gotischer Kassettentäfelung. Diese Zäsur zeigt, dass die Kirche wohl zu Beginn des 15. Jahrhunderts um einen Chorraum in ihrem Ausmass fast verdoppelt wurde.

Burkhard schaltet die Deckenbeleuchtung ein. Was vorher nur andeutungsweise erkennbar war, beginnt nun zu sprechen. Eine veritable «Biblia Pauperum», also eine Armenbibel in Form von Bilderfolgen, wie sie im Mittelalter oft der Unterweisung des Volkes diente und die Gläubigen zur Besinnung einlud. Es sind Wandbemalungen aus drei Epochen – von der hohen bis zur späten Gotik. In zwei Bändern, einem Comic-Strip gleich, schmücken sie beinahe die gesamte Wandfläche. Die ältesten Illustrationen zeigen auf der Südseite der Kapelle einen fast vollständig erhaltenen Passionszyklus aus dem frühen 14. Jahrhundert. Der Chorraum dagegen ist der Leonhards-Legende gewidmet. In vierzehn Bildern wird das Leben des Heiligen von der Geburt bis zu seinem Tod geschildert. Obwohl die Bemalungen durch unsachgemässe Freilegung einiges von ihrer Wirkung eingebüsst haben müssen, zeugen sie von einer fast unbändigen Kreativität und Erzähllust.

Ganz im Gegensatz zum eleganten, linearen Stil der Passionsgeschichte trägt der Künstler des Leonhardzyklus dick auf. Durch Farbkontraste erzeugt er einen Rhythmus, der heutige, an der Moderne geschulte Betrachter, an zeitgenössische Kompositionen erinnert. Modern zeigt sich der Künstler auch im Umgang mit der Perspektive. Nicht mehr durch Staffelung der Figuren, sondern durch Verjüngung versucht er Tiefenwirkung zu erzeugen. Dabei experimentiert er unbekümmert mit unterschiedlichen Fluchtpunkten, Parallel- und Schrägsetzungen. Aber auch in der inhaltlichen Gestaltung schöpft der Künstler aus dem Vollen. Sein Personal beschränkt sich nicht mehr nur auf die bedeutungstragenden Figuren. Um seine Geschichte lebendig zu erzählen, greift er auf ganz neue Bildelemente zurück: Auf die Darstellung von Gebäuden etwa, wie sie in der italienischen Malerei des Spätmittelalters aktuell wird.

Aber auch Tiere und Pflanzen beleben die Szenen. Sie deuten an, was die Kunst kommender Jahrhunderte immer mehr beschäftigen wird: das wachsende Interesse an der Natur. Und schliesslich zeigt Burkhard auf zwei Herren der Taufszene. Sie tragen enge Strümpfe und kurze Mäntel mit modischen Kragen. «Diesen zwei Herren hätte man damals wohl in den Strassen von Konstanz begegnen können.» Sie zeigen das Bedürfnis des Malers, die Szene in die Gegenwart zu rücken. Ein Ansinnen, das ihm gelungen ist.

Sibylle Zambon-Akeret

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Der heilige Leonhard

Sein Name bedeutet «Stark wie ein Löwe», sein Gedenktag ist der 6. November. Alles andere, was wir über sein Leben wissen, basiert auf einer legendenhaften Biographie aus dem 11. Jahrhundert. Geboren wurde der heilige Leonhard möglicherweise in Orléans ums Jahr 500. Er stammte aus einer fränkischen Adelsfamilie. Gemäss Überlieferung wurde er von Erzbischof Remigius von Reims getauft und erzogen. Er wurde Mönch, lehnte aber die ihm angetragene Bischofswürde ab. Stattdessen zog er sich als Eremit in den Wald von Pauvin bei Limoges zurück. Hier predigte er und betete für Kranke und Hilfsbedürftige. Bei König Chlodwig I. und dessen Nachfolger Chlotar I. setzte er sich immer wieder für die Freilassung von Gefangenen ein. In diesem Zusammenhang soll er sogar Wunder gewirkt haben: Berichtet wird, dass viele Gefangene durch die Anrufung des Heiligen von ihren Fesseln befreit wurden. Leonhard wird deshalb auch als «Kettenheiliger» bezeichnet.

Ein anderes Wunder soll ihm zu Grundbesitz verholfen haben: Als nämlich das Königspaar im Wald auf Jagd war, setzten bei der schwangeren Königin die Wehen ein. Der Heilige kümmerte sich um sie und rettete so ihr Leben und dasjenige des Kindes. Der König honorierte Leonhard mit einem Waldgelände, das so gross war, wie es der Heilige in einer Nacht auf seinem Esel umreiten konnte. Auf dem Waldstück gründete er die Gemeinschaft von Noblat. Hier nahm er ehemalige Gefangene auf und bildete sie zu Handwerkern aus. Im 11. Jahrhundert entstand vor Ort die Kirche St.-Léonard-de-Noblat. Diese liegt auf der französischen Pilgerroute nach Santiago de Compostela.

Besondere Verehrung wiederfuhr Leonhard ab dem 11. Jahrhundert in Bayern. Das brachte ihm auch den Rang eines «Nothelfers» ein. Nothelfer sind jene Heiligen aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert, die von Gläubigen in spezifischen Notsituationen angerufen werden.

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Der Innenraum der Kapelle mit den Leonhard-Fresken auf der linken Seite.

Bild: zVg
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