Pfarreiblatt der Bistumskantone
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Ausgabe Nr. 19

Er reformierte St. Gallen

Persönlichkeiten der Reformation: Joachim Vadian

Die St. Galler Reformation ist untrennbar mit dem Namen Vadian verknüpft. Als hochgebildeter Mann und mit grossen Ambitionen kehrte dieser einst in seine Geburtsstadt zurück. Um dort als Arzt praktizieren zu können, hatte der berühmte Humanist in Wien nebenbei Medizin studiert.

Das Geburtsjahr teilt er sich wahrscheinlich mit dem grossen Huldrych Zwingli. Vadian – oder wie er richtig hiess: Joachim von Watt – wurde vermutlich 1484 als Spross einer bedeutenden St. Galler Kaufmannsfamilie geboren. Diese hatte in der Stadt etliche hohe Politiker bis hinauf zum Bürgermeister gestellt. Der junge Joachim war intellektuell begabt. Er wurde in die städtische Lateinschule geschickt, wo er Rechnen, Lesen und Schreiben lernte. Hauptfach war die lateinische Grammatik.

Bekanntschaft mit Zwingli in Wien?

Mit 17 Jahren, für damalige Begriffe eher spät, zog Vadian an die berühmte Universität der Kaiserstadt Wien. Möglicherweise hat er dort die Bekanntschaft mit seinem Landsmann Zwingli gemacht. Vadians ers - tes Semester im Winter 1501/1502 fällt mit Zwinglis letztem zusammen. Im Jahr 1508 errang Vadian den obersten Titel, den die artistische Fakultät verleihen konnte, den eines Magisters.

Die Universität Wien stand damals im Umbruch. Eine moderne, dem Geist der Renaissance verpflichtete, humanistische Richtung kämpfte gegen die Vertreter der mittelalterlichen Schulphilosophie. Vadian zögerte nicht, sich der avantgardistischen humanistischen Richtung anzuschliessen. Er zählte sich fortan zu jenen Gelehrten, welche die Weisheit und Eleganz der nichtchristlichen Denker des Altertums bewunderten. So fingen er und seine Mitdenker an, in lateinischer Sprache zu dichten. Äusseres Merkmal der Hinwendung des jungen St. Gallers zum Humanismus war seine Namensänderung. Aus Joachim von Watt wurde lateinisch Joachimus Vadianus, abgekürzt Vadian.

Besteigung des Pilatus

Vadian beschäftigte sich nicht nur mit Literatur. Er verkörperte vielmehr den Typus eines Universalmenschen, wie er in der Renaissancezeit als Vollendung des menschlichen Daseins angestrebt wurde. Vadian bildete sich zum Fachmann in vielen Wissensgebieten aus. Er studierte Geographie und versuchte zu diesem Zweck, möglichst viele Gegenden aus eigener Anschauung kennenzulernen. Er unternahm Reisen nach Italien, Ungarn und im Jahr 1519 nach Deutschland, Schlesien und Krakau. Auch bestieg er den Pilatus bei Luzern, um zu erforschen, was es mit dem sagenumwobenen Pilatusseelein auf sich habe, wobei ihm entgegen aller Warnungen der Einheimischen nichts passierte.

Die Rückkehr nach St. Gallen

Im Jahr 1512 begann Vadian neben seinen sonstigen Verpflichtungen mit dem Medizinstudium, das er im Jahr 1517 mit dem Doktorgrad abschloss. Der Entschluss zum Medizinstudium stand im Zusammenhang mit Gedanken an eine mögliche Heimkehr in die Vaterstadt. Wollte er sich in St. Gallen niederlassen, musste er einen praktischen Beruf ausüben. Alle seine humanistischen Titel nützten ihm nichts in der Heimat. Vadian hatte sich zu einem der berühmtesten Humanisten nördlich der Alpen emporgearbeitet. Doch im Jahr 1518 verliess er seine bisherige Wirkungsstätte Wien und kehrte in das kleine, bescheidene St. Gallen zurück.

Vadians grosse Ambitionen

Es schwebte ihm vor, die bisher nur durch ihre Kriegstüchtigkeit bekannt gewordene Schweiz in eine Stätte der Gelehrsamkeit umzuwandeln. Seine zukünftige Rolle sah er als Arzt, aber auch als Berater, Helfer und Erzieher seiner Stadt und der ganzen Eidgenossenschaft. Vadians Heimkehr steht in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der eben damals in Deutschland beginnenden Reformation. Doch er scheint gespürt zu haben, dass die humanistischen Ideale am Verblassen und neue Ideale im Kommen waren.

Bald nach seiner Rückkehr wurde Vadian, wie er es gehofft hatte, zum Stadtarzt und allgemeinen Ratgeber berufen. Er heiratete Martha Grebel, die aus dem Zürcher Stadtadel stammte. Im Frühling 1520 bezog er mit seiner Frau das Haus «Zum tiefen Keller» in den Hinterlauben. Dort wurde die Tochter Dorothea geboren. Mit Vadians Eintritt in den Kleinen Rat als Nachfolger seines verstorbenen Vaters im Sommer 1521 begann auch seine politische Laufbahn.

Reformation rückt ins Interesse

Nebenbei hatte Vadian noch genügend Zeit, seine Studien weiterzutreiben. Er begann, sich mit theologischen Fragen zu beschäftigen, las Lutherschriften und Bücher anderer Reformatoren. In seiner Gewissenhaftigkeit besorgte er sich aber auch Publikationen der Gegner der beginnenden Reformation. Mehrere Jahre verhielt er sich nach aussen still. Man wusste nicht, was er dachte und wo er stand. Anfang 1526 wurde Vadian zum Bürgermeister der Stadt St. Gallen gewählt. In den folgenden Jahren führte er die Reformation ein. Der Versuch, die im ersten Kappeler Landfrieden erlangten Vorteile für die Aufhebung des Klosters St. Gallen zu nutzen, scheiterten 1531. Das Kloster blieb Nachbar in der Stadt, und dessen Abt ein Gegenspieler Vadians. Am 6. April 1551 verstarb Vadian in St. Gallen.

Frank Jehle/Red.

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Die Vadianstatue in St. Gallen, 1904,
von Richard Kissling (1848–1919) geschaffen.

Bild: PaterMcFly/wikimedia Commons
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