Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 19

Zeigen, dass Kirche reformfähig ist

Ein klares Bekenntnis zur ökumenischen Gastfreundschaft

Am 8. Oktober wird ein über 300 Meter langer Tisch die katholische mit der evangelischen Kirche in Ravensburg (D) verbinden. Diese Aktion soll als Zeichen der wechselseitigen Gastfreundschaft bei Abendmahl und Kommunion verstanden werden. Für die Katholiken ist damit ein grosser Schritt verbunden, da ihre Kirche die Interkommunion mit evangelischen Christen offiziell nicht erlaubt. Theodor Pindl, Mitinitiator dieser Aktion, erläutert die Hintergründe.

Begonnen hatte es mit der Aktion «Vom Trennen zum Teilen – Abendmahl für alle»: An jedem ersten Sonntag im Monat luden die Initiatoren zu einer Menschenkette von der katholischen zur evangelischen Kirche ein, um sich von katholischer Seite aus für wechselseitige Gastfreundschaft auf Augenhöhe einzusetzen. Am Ende der zweijährigen Aktion, die von einem breiten Kommunikationsprozess begleitet wurde, steht als konkretes Ergebnis die «Ravensburger Erklärung», in der die beiden Kirchen die gegenseitige Einladung zu Kommunion und Abendmahl festhalten. Die Unterzeichnung dieser Erklärung findet nun im Rahmen einer Grossaktion in der Ravensburger Altstadt statt, die die Annäherung symbolisch zum Ausdruck bringt: Die Bevölkerung ist eingeladen an einer langen Reihe von 160 Tischen zwischen katholischer Liebfrauenkirche und evangelischer Stadtkirche Platz zu nehmen und miteinander Brot und Wein zu teilen.

Herr Pindl, wie kam es zur «Ravensburger Erklärung»?

2013 fand das «Ravensburger Konzil» statt, ein Dialogforum der katholischen Kirche, das ökumenisch offen war. In diesem Rahmen wurden verschiedene Themen besprochen, unter anderem auch das Thema «eucharistische Gastfreundschaft». Die am Konzil Beteiligten sprachen sich mehrheitlich für eine solche Gastfreundschaft aus. Daraufhin bildete sich die Arbeitsgruppe Kirche lädt ein, die von katholischer Seite aus einen ersten Schritt auf die Evangelischen zugehen wollte. Wir Katholiken haben hier nämlich eine Bringschuld, wir sollten versuchen, auf Augenhöhe zu agieren. Während die evangelische Kirche seit den 70er-Jahren ihre katholische Schwester zum Abendmahl einlädt, wird dies umgekehrt immer noch verweigert.

Auf kirchenamtlicher Ebene wurde das Thema «Mahlgemeinschaft» immer wieder diskutiert. Aber es kam nie zu einer Entscheidung. Hier ist nun etwas von unten gewachsen. Das Bedürfnis kam von den Gläubigen selbst. Das «Konzil» gab unserer Arbeitsgruppe eine gewisse Legitimation, nach einem geeigneten Weg zu suchen. Auf diesem Weg erlebten wir grosse Zustimmung, aber hier und da auch Ablehnung.

Welches Zeichen möchten Sie mit dieser Erklärung und der damit verbundenen Aktion aussenden?

Das Zeichen, dass die katholische Kirche reformfähig ist, dass sie einen Schritt auf andere zumachen kann. In vielen Pfarreien wird eine solche Gastfreundschaft schon selbstverständlich praktiziert, es ist nur nicht offiziell. Es gibt aber auch Pfarreien, in denen der Priester keine Einladung ausspricht oder evangelische Christen gar von der Kommunion ausschliesst. Wir wollen nun hier vor Ort die gegenseitige Einladung zur Kommunion verbindlich aussprechen. Es soll klar sein, dass sich die Kirchen «offen und herzlich zu Kommunion und Abendmahl einladen», wie es in der Erklärung heisst.

Ausserdem sind Erklärung und Aktion ein Zeichen dafür, dass wir Kirchen zusammenstehen. Der gemeinsame Tisch ist wie eine Brücke zueinander, gemeinsam essen und trinken ist konkrete Friedensarbeit. Es ist wichtig, dass wir die Willkommenskultur vorleben und nicht nur proklamieren.

Welchen Anklang findet Ihre Aktion?

Einen sehr guten. Es gingen schon für etwa die Hälfte der 160 Tische Vorreservationen ein. Unser Anliegen fand auch in den vergangenen Jahren viel Zustimmung, vor allem von evangelischer Seite her, aber auch bei Katholiken, bei kirchlich Distanzierten oder Konfessionslosen. In der katholischen Gemeinde gibt es auch Menschen, die unserem Anliegen reserviert gegenüberstehen und sich eher zurückhalten. Wir haben mit Gegenwind gerechnet und wussten, dass wir spirituell stark sein müssen. Andererseits war es für uns eine Überraschung, dass sich der katholische Stadtpfarrer dazu entschliessen konnte, die Erklärung zu unterschreiben und mitzutragen. Das ist natürlich ein gewaltiges Zeichen. Ebenso beachtlich ist es, dass auch die Kirchengemeinderäte mehrheitlich dahinterstehen.

Wie verhält sich die Bistumsleitung dazu?

Wir haben aus der Bistumsleitung positive bis zurückhaltende Signale erhalten. Der Pastoralbeauftragte wünschte der Veranstaltung einen guten Verlauf. Ich habe zwischen den Zeilen mitbekommen, dass man ein solches Vorgehen pastoral akzeptiert, wenn es «von unten» mehrheitlich mitgetragen wird. Eine gewisse Spannung ist natürlich da. Aber ohne Spannung keine Bewegung, dann bleibt alles beim Alten. Gerade im Reformationsjubiläumsjahr würde ich mir von der katholischen Kirche ein mutigeres Vorangehen wünschen, einen ersten Schritt auf den anderen zu. Sonst bleibt die ganze Ökumene Literatur und wir sind nach dem Reformationsjubiläum keinen Schritt weiter.

Was verstehen Sie unter Eucharistie und Kommunion?

Es gibt ganz unterschiedliche Verständnisse von Eucharistie – auch in unserer Gruppe –, die nicht unbedingt mit dem katholischen Dogma oder der evangelischen Auffassung deckungsgleich sind. Jeder hat einen sehr eigenen, individuellen Zugang zu diesem Geschehen, das ja auch als Geheimnis verstanden wird.

Für mich zeigt sich im Abendmahl der Kern der christlichen Botschaft: Leben teilen. Dies betrifft das konkrete Leben, mein Leben und das der anderen. Das Abendmahl ist kein Behälter, aus dem göttliche Gnade ausgegossen wird, es ist ein Geschehen, in dem der göttliche Reichtum sichtbar wird, wo gezeigt wird, wer und wie Gott ist. Und damit ist der Auftrag verbunden, für andere nahrhaft, lebendig, fruchtbar, bereichernd zu sein. Das Mahl dankend miteinander zu feiern, ist an alle auch ein Auftrag. Wenn das Abendmahl als Geheimnis verstanden wird, dann haben die unterschiedlichen Verständnisse auch ihre Berechtigung. Dann darf man miteinander feiern und einander Gastfreundschaft gewähren. Vielleicht ist das auch eine Möglichkeit, Menschen, die dem Glauben gegenüber distanziert sind, zu zeigen, wie Jesus das lebendige Brot ist, wie auch wir füreinander Brot sein können.

Die katholische Kirche untersagt ihren Mitgliedern die Mahlgemeinschaft mit evangelischen Christen (vgl. CIC, can 844 § 1). Begründet wir dieses Verbot unter anderem damit, dass die beiden Konfessionen ein unterschiedliches Verständnis von Eucharistie hätten. Wie bewerten Sie diese theologische Argumentation?

Mein Ausgangspunkt ist das Zweite Vatikanische Konzil, das von der Wandlungsfähigkeit der Kirche gesprochen hat und das pastoral ausgerichtet war. Mit seiner Rede von der «Hierarchie der Wahrheiten» hat es die Möglichkeit für Priorisierung eröffnet. Es ist nicht alles gleich wichtig. Vor allem geht es darum, das Leben der Menschen zu teilen, Trennendes zu überwinden, den Glauben gemeinsam zu leben. Das neue Kirchenrecht von 1983 hat da zum Teil wieder Rückschritte gemacht. Aus meiner Sicht gehört der Kanon 844 dazu. Dort wird mit einem unterschiedlichen Eucharistieverständnis argumentiert. Dabei wird eine theologische mit einer disziplinarischen Argumentation vermischt, nach dem Motto: Wir haben das richtige, massgebliche Verständnis und daher dürft ihr nicht teilnehmen. Dieser Schluss ist aus meiner Sicht falsch, allein schon vom Evangelium her gesehen: Jesus hat niemanden ausgeschlossen, er hat niemanden bewertet oder seine Gesinnung abgefragt. Es mag sein, dass Eucharistie unterschiedlich verstanden wird. Daraus lässt sich aber kein Ausschluss ableiten. Dieser ist eher machtpolitisch begründet. Konfessionsverschiedene Familien, für die der Glauben wichtig ist und die sich an diese Regel halten, werden damit besonders bestraft.

Vor welchen Herausforderungen stehen die christlichen Kirchen in den nächsten Jahren?

Ich denke, dass es zukünftig mehr um Taten statt Worte geht. Vielleicht braucht es dazu auch ein wenig mehr Streit und Auseinandersetzung. Aber Reibung erzeugt bekanntlich Wärme. Theologisch ist so viel gearbeitet worden die letzten Jahrzehnte. Es wäre schade, wenn diese Ergebnisse in einer Placebo- oder Wohlfühl-Ökumene versickern, wo keiner dem anderen was tut. Dass es gerade zu Zeiten des Reformationsjubiläums nicht vorangeht, ist unverzeihlich. Man vergibt sich eine historische Chance. Es stehen nach 500 Jahren Trennung konkrete Schritte an, um den «Skandal der Trennung» zu überwinden, wie Frère Roger Schutz dies einmal gesagt hat. Die wechselseitige Gastfreundschaft ist ein erster. Ein weiterer Schritt wäre dann die Mahlgemeinschaft.

Wie wird es weitergehen?

In St. Gallen, wo ich als Intendant von Wirk Raum Kirche tätig bin, ist für nächstes Jahr eine ähnliche Aktion wie in Ravensburg geplant. Dort soll es einen langen Tisch vom Dom zum Vadian-Denkmal geben unter der Leitung von Kurt Pauli, dem Leiter des Stattklosters. Die evangelische Kantonalkirche unterstützt dieses Vorhaben, die katholische Seite zeigt sich noch abwartend. Solche Aktionen der Annäherung haben meiner Ansicht nach auch eine gesellschaftliche Wirkung. Die Kirchen werden in der Öffentlichkeit glaubwürdiger wahrgenommen. Wenn wir uns für Flüchtlinge, Arme und Kranke einsetzen, das Brot aber nicht miteinander teilen, ist dies von aussen gesehen ein Widerspruch. Vielleicht macht ein Zeichen der Annäherung die beiden Kirchen nicht nur glaubwürdiger, sondern auch attraktiver.

Interview: Detlef Kissner

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■ Nähere Infos unter www.kirchelädtein.de

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Der Theologe und Philosoph Theodor Pindl ist Sprecher der Arbeitsgruppe Kirche lädt ein.

Bild: zVg
Katholische Liebfrauenkirche

Bild: Andreas Praefcke/Wikimedia Commons
Evangelische Stadtkirche

Bild: Andreas Praefcke/Wikimedia Commons
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