Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 19

Editorial

Es begann in den 70er-Jahren: Neben Jungen standen plötzlich auch Mädchen im Ministrantenrock vor dem Altar. Dies war zwar von offizieller Seite her verboten, wurde aber nicht sanktioniert. Ein Lehrschreiben von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1947 und der Schwung des Zweiten Vatikanischen Konzils hatten visionäre Geister zu diesem Experiment ermutigt. Die Zahl der Ministrantinnen wuchs weiter. Das 1983 erschienene kirchliche Gesetzbuch eröffnete weitere Spielräume. Dort stand nämlich geschrieben, dass bestimmte liturgische Dienste allen Laien offen stehen. Dieser Passus verhalf den Ministrantinnen zum Durchbruch, auch wenn um dessen Auslegung immer wieder gestritten wurde. Papst Johannes Paul II. klärte den Konflikt 1992 schliesslich zugunsten der Mädchen.

Dieses Beispiel macht deutlich, wie «von unten», von der Kirchenbasis her, etwas Neues wachsen konnte, das die Kirchenleitung nachträglich legitimierte. Und dies ist kein Einzelfall in der Kirchengeschichte. Welches Gewicht dem Kirchenvolk zukommt, hob schon Augustinus hervor. Er wies auf einen «übernatürlichen Glaubenssinn» hin, einen «Instinkt für die Wahrheit des Evangeliums», der es allen Mitgliedern der Kirche ermögliche, «echte christliche Lehre und Praxis zu erkennen». Diesen Gedanken griff das zweite Vatikanische Konzil wieder auf, stärkte damit die Position der Laien und ermutigte sie, die Entwicklung der Kirche aktiv mitzugestalten.

Vertrauend auf ihren Glaubenssinn sollten die Gläubigen diese Verantwortung auch heute wahrnehmen – vor allem im Hinblick auf die Ökumene. Papst Franziskus ermutigte sie dazu, als er 2015 feststellte: «Wenn wir glauben, dass die Theologen sich einmal einig werden, werden wir die Einheit (der Christen) nach dem Jüngsten Gericht erreichen.» Es braucht keine Expertenrunden mehr über eucharistische Gastfreundschaft, sondern Menschen, denen die Botschaft Jesu ein Herzensanliegen ist, die in seiner Offenheit konfessionelle Gräben überwinden, herzliche Gastfreundschaft wagen und als Christen an einem Strick ziehen, um sich kraftvoll für eine menschlichere und gerechtere Welt einzusetzen.

Detlef Kissner

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