Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 15

Der Systematiker an der Seite des Reformators

Persönlichkeiten der Reformation: Philipp Melanchthon

Der Begabteste soll er in der Lateinschule gewesen sein: Philipp Schwarzerd aus Bretten lernte neben den obligatorischen Fächern zusätzlich das Altgriechische, was nur wenigen ermöglicht wurde. Bereits mit zwölf Jahren wurde ihm der Humanistenname Melanchthon verliehen – die griechische Übertragung seines Geburtsnamens.

Alte Sprachen zu lernen, das war der Weg zum Wissen, zur Philosophie. Dass er wenige Jahre später zu einem der engsten Mitarbeiter eines der wegweisenden Reformatoren, Martin Luther, werden sollte, ahnte Philipp Melanchthon noch nicht. Er studierte unter anderem in Tübingen gemeinsam mit Ambrosius Blarer, einem Abkömmling eines Thurgauer Adelsgeschlechts, der später als Reformator in Schwaben wirkte. Als Martin Luthers 95 Thesen im Jahr 1517 an der Schlosskirche zu Wittenberg ihren Platz finden – in Lateinisch und nur für die Gelehrten gedacht –, da ist es Zeit, dies auf universitärem Boden zu diskutieren. So geschieht es im darauffolgenden Jahr. Philipp Melanchthon, dem gründlichen Denker, ist die Heidelberger Disputation aber nicht genug. Sein Interesse ist geweckt, er reist nach Wittenberg, um Luthers neuer evangelischer Lehrmeinung auf den Grund zu gehen.

An die Quellen

Nur ein Jahr später, im Sommer 1518, wird diese Stadt zu seinem neuen Wirkungsort, er übernimmt den vom Fürsten Friedrich dem Weisen gestifteten Lehrstuhl für die griechische Sprache. «Ad fontes, juventute!»: «An die Quellen, Jugend!» – im Titel seiner Antrittsvorlesung liegt die Hoffnung der damaligen Zeit: Zurück zu den antiken Philosophen und Schriftstellern, bei denen sie Handwerkszeug zum besseren Verständnis der eigenen Gegenwart und für deren Gestaltung suchen. Für Melanchthonist das keine graue Theorie, er spricht unter anderem von der Notwendigkeit einer Bildungsreform, die er 1523/24 an der Philosophischen Fakultät umsetzen kann.

Freundschaftliche Kollegialität

Luther ist begeistert von dem klar denkenden Altphilologen. Aus der Begegnung in den alten Sprachen und humanistischen Gedanken entwickelt sich eine freundschaftliche Kollegialität. Melanchthon ist ein universitärer «Allrounder» und setzt sich mit Geschichte, Medizin, Philosophie und Physik auseinander. Er lernt von Luther die reformatorischen Grundlagen und lehrt selbst Luther die griechische Sprache. Er motiviert ihn letztendlich auch zur Übersetzung der Bibel in verständliches Deutsch. Melanchthon begleitet Martin Luther 1519 zur Leipziger Disputation, der ersten grossen Auseinandersetzung zwischen dem Reformator und der römischen Kirche. Im Streitgespräch mit dem Theologen Johannes Eck unterstützt er ihn gar durch das Zustecken kleiner Zettel mit biblischen Zitaten, die ihm helfen, seine eigene Position zu untermauern. Melanchthon ist der Systematiker an der Seite des prophetischen Reformators. So macht er 1521 die Inhalte reformatorischer Theologie in Buchform, in den «Loci communes» (Allgemeine Grundbegriffe) zugänglich.

Reformierte und Lutheraner

1529 vertritt er den geächteten Luther auf dem Reichstag in Speyer. Auch beim Treffen Luthers mit Ulrich Zwingli in Marburg im Jahr 1529 ist er dabei. Über vieles erzielen sie bei dieser Zusammenkunft Übereinstimmungen, aber in der Lehre vom Verständnis des Abendmahls finden sie keinen Konsens. Dieser Umstand führt zur innerevangelischen Vielfalt, zur Gründung evangelischer Kirchen reformierter und lutherischer Prägung. Auch 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg soll Melanchthon an Luthers Stelle vor dem Kaiser stehen: Luther kann aufgrund des über ihn verhängten Banns nicht aus Kursachsen dorthin reisen. Noch im gleichen Jahr entsteht unter seiner Federführung die grosse Bekenntnisschrift «Confessio Augustana», das Augsburgische Bekenntnis, das bis heute für die evangelischen Kirchen lutherischer Prägung in Geltung steht.

Melanchthon und Calvin

Auch Johannes Calvin sucht den Kontakt und die Verständigung mit Philipp Melanchthon. Im Jahr 1538 sendet er ihm einen Brief mit zwölf Artikeln zur Abendmahlslehre. Die erhoffte Antwort bleibt aus, und so reist er ein Jahr später kurzentschlossen an ein Treffen, bei dem auch Melanchthon anwesend ist. Mit einem Konsens über damals aktuelle theologische Fragen kehrt er nicht heim, wohl aber mit dem Kontakt zu einem reformatorischen Mitstreiter, der seinen Ausdruck in Briefwechseln findet.

Immer wieder wird er in wesentlichen Fragen zum Adressaten Calvins, der 1546 sogar die «Loci communes» Melanchthons ins Französische übersetzen lässt und im neu aufflammenden Abendmahlsstreit zwischen Zürich und Wittenberg immer wieder zu vermitteln versucht. Anerkennend schreibt er an Melanchthon: «Deine Stellung ist, wie Du weisst, anders als die vieler anderer.» Calvins Hoffnung, dass Melanchthon nach Luthers Tod in der Lage wäre, auf mehr Einigkeit im evangelischen Lager hinzuwirken, erfüllte sich nicht, auch wenn er auf Calvins Wunsch hin den Abendmahlsartikel im Augsburger Bekenntnis entschärft.

Scharfsinnig, überzeugt, klar

Mit dem Tod Luthers 1546 übernimmt Philipp Melanchthon dessen Aufgaben und bleibt weitere vierzehn Jahre ein scharfsinniger und überzeugter Verfechter der Reformation. Er erkrankt 1560 und stirbt am 19. April. Seine Familie und seine Studenten trauern gemeinsam, denn sie schätzten den begabten Pädagogen und bekennenden Evangelischen, der seine Hoffnung in klare Worte fasste: «Wer Christus hat, hat alles und kann alles.» Neben seinem Weggefährten Martin Luther findet er seine Ruhestätte in der Schlosskirche zu Wittenberg, wo sein Weg mit der reformatorischen Lehre begann.

Karin Kaspers-Elekes/Red.

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Denkmal von Philipp Melanchthon (1497– 1560) auf dem Marktplatz von Wittenberg.

Bild: Albrecht E. Arnold/pixelio.de
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