Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 15

Im Reformationsland

Entdeckungen auf dem Lutherweg

Es gibt viele spannende Möglichkeiten, auf den Spuren der Reformation zu wandeln. Eine davon ist der Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Ein Augenschein.

Raus aus der Stadt und runter zum Bach. Der Marktplatz ist menschenleer an diesem frühlingshaften Morgen im Mai. Martin Luther, Sohn dieser Stadt, schaut ernst, Bibel in der linken, zerknüllte Bannbulle in der rechten Hand. Ein fragender Blick auf die Pilgerkarte – und schon hält der junge Mann an und steigt vom Velo. «Ist dies nun bereits der Lutherweg?», fragen wir.

Ein kurzes Zögern. «Im Grunde schon», sagt er, etwas unsicher. Wir bedanken uns, laufen dem ruhig dahinfliessenden, dunklen Wasser entgegen, weg von Eisleben. Durch einen Baumspalier führt der Weg, entlang dichter Hecken, hinter denen weisse Häuser schimmern. Vögel zwitschern, sonst ist es still. An der nächsten Weggabelung steht ein Schild mit grünem Schnörkel-L auf weissem Grund: das Symbol des Lutherwegs.

Auf 410 Kilometern Wegstrecke führt der Pilger- und Wanderweg durch Sachsen- Anhalt und verbindet Orte, an denen man die Reformation und das Leben und Wirken Martin Luthers nachvollziehen kann.

Tags zuvor haben wir uns in Eisleben umgesehen. Der Kupferschieferbau bewog einst Luthers Eltern, hierherzuziehen. Im typisch bürgerlichen Wohnhaus, in dem Luther 1483 geboren wurde, tauchen wir ein in die Frömmigkeit des Mittelalters, in die Atmosphäre seines Elternhauses und das Fest seiner Taufe. Sie soll das wichtigste Ereignis gewesen sein, das er mit Eis leben verband. Den Taufstein allerdings finden wir wenige Schritte entfernt in der spätgotischen Hallenkirche St. Peter und Paul. Im hellen, modern gestalteten Raum mit dem grossen, ebenerdigen Taufbrunnen würden wir gerne länger verweilen. Doch dann drängt die Zeit, und so folgen wir den in die Strassen eingelassen Lutherrosen hinauf zur St.-Andreas-Kirche, die sich mit ihrem mächtigen Glockenturm eindrucksvoll über dem Marktplatz erhebt. Auf der fast unversehrt erhalten Kanzel hielt der Reformator 1546 die letzten Predigten. Die Lutherrosen führen uns oberhalb des Marktes denn auch zu Luthers Sterbehaus. Es war später Nachmittag, als wir dort über Leben, Glauben und Tod nachdenken.

Wenige Monate nach Luthers Geburt zog die Familie nach Mansfeld, nordwestlich von Eisleben. Wir aber laufen gegen Osten, durch Felder – auf denen hypnotisierend gelber Raps und zartgrüner Jungweizen stehen –, auf einsamen Waldwegen, zwischendurch auch mal auf Asphalt. Bei Unterrissdorf erreichen wir die «Kalte Stelle». Der Platz mit der Sitzbank und einer kleinen Gedenktafel versprüht, neben der Landstrasse, nur wenig historischen Charme. Aber was war hier eigentlich passiert? Luther selbst beschreibt 1546, dass ihm bei «Rissdorf, hart vor Eisleben» ein kalter Wind in die Kutsche gefahren und das Hirn zu Eis gefroren sei. Seine Begleiter berichten von einem plötzlichen Schwächezustand des Reformators – Vorbote des Todes.
Auch wenn die Kälte dieser Schneise kaum zu spüren ist, wir wollen weiter, uns lockt der See. Der Süsse See, mitten in einem Naturschutzgebiet gelegen. Auf seinem Uferweg tummeln sich Wanderer und Radfahrer, am Wasser spielen Kinder. Motor- und Segelboote liegen vor Anker. Fünf Kilometer sind es dem See entlang bis zum Schloss Seeburg der Grafen von Mansfeld. Luther soll hier während des Bauernkrieges zu Gast gewesen sein.

Es ist Markt direkt am See, das Schloss spiegelt sich im Wasser. «Wo möchten Sie denn hin?» Eine ältere Dame im roten Mercedes kurbelt das Fenster runter. «Nach Halle.» «Dann steigen Sie ein.» Darf man unterwegs auf dem Lutherweg auch per Anhalter fahren? Wir dürfen, Blick und Geste sind zu einladend. Nicht über die Autobahn chauffiert die Fahrerin ihre Gäste, sondern der alten Landstrasse entlang, in gewundenen Kurven zwischen Obstbäumen, Reben und kleinen Häusern hindurch. «Damit Ihr seht, wie schön unsere Landschaft hier im Osten ist. Naja, abgesehen von den Spuren, die der Bergbau hinterlassen hat.» Wir sprechen von der Wende und den Veränderungen, die sie gebracht hat. Und wir zeigen uns beeindruckt von soviel Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeit. Eine Selbstverständlichkeit, antwortet die Dame: «Ein Relikt aus DDR-Zeiten. Da war gegenseitige Hilfe überlebensnotwendig.»

«Wir treffen uns beim Händel», lautet ein geflügeltes Wort in Halle. Und genau dort stehen wir jetzt: bei der Bronzestatue des Musikers, der 1685 hier geboren wurde, und mitten auf dem Marktplatz mit seinen fünf Türmen. Der Rote Turm wurde von den Bewohnern der Stadt als Wahrzeichen ihres bürgerlichen Selbstbewusstseins erbaut. Die vier weiteren Türme gehören der Marktkirche Unser Lieben Frauen, wo Luther 1545/46 mehrmals gepredigt hat. Ein Relief an der Kirchenfassade erinnert an seine leidenschaftlichen Reden. Wir besichtigen die Originalkanzel und die Totenmaske Martin Luthers und schlendern anschliessend zur Marienbibliothek, um die älteste deutsche Lutherbibel (1534) mit einer originalen Widmungsschrift Martin Luthers zu bestaunen.

Luthers Wirkung erleben wir in den Frankschen Stiftungen. 4 Taler und 16 Groschen in der Spendenbüchse bewogen den Theologen August Hermann Francke 1698 eine Schulstadt zu gründen, deren Reformen Luthers Ideen umsetzen und von Franckes Schülern bis nach Indien und Nordamerika getragen wurden. Über die stiftungseigene Druckerei wurde die Luther-Bibel in 30 Sprachen millionenfach in die ganze Welt versandt. Es ist fast ein Wunder, dass dieses Ensemble mit dem Fachwerkwohnhaus Europas die jahrzehntelange Vernachlässigung während der DDR-Zeit überstanden hat. Noch heute gibt es hier Bildung für alle, vom Kindergarten bis zum Seniorenkolleg. Dazu Museen und viel Handwerk. Es gäbe noch viel zu entdecken in Halle, das Händel-Haus zum Beispiel oder das Beatles Museum. Doch wir müssen weiter. Eine letzte Halloren-Kugel aus der ältesten Schokoladenfabrik Deutschlands jedoch darf’s schon noch sein.

Dass der Lutherweg nicht nur aus theologischer und historischer, sondern auch künstlerischer Sicht vieles zu bieten hat, sehen wir auch in Dessau. Vor uns leuchten die weissen Fassaden der Meisterhäuser, einst von Künstlern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Mies van der Rohe bewohnt. Wenige Schritte entfernt stossen wir auf das Bauhaus, das wie kaum ein anderes Gebäude für die «Moderne» steht und in den Zwanziger- und Dreissiger-Jahren Sitz der gleichnamigen Schule war. Die riesige Glasvorhangfassade des Werkstatt flügels zieht uns magisch an. Eine Stunde nur. Dann wenden wir uns in der St. Johannis-Kirche mit ihren Cranachbilder wieder der Lutherzeit zu.

Endlich: die Elbe, wie ein blaues Band zieht sie sich durch Sachsen-Anhalt. In grossem Bogen führt sie uns aus Dessau-Rosslau heraus, mitten ins Biosphärenreservat Mittelelbe und Gartenreich Dessau- Wörlitz. Stundenlang wandern wir über Auenwiesen und durch Hartholzauenwälder, halten nach Biberspuren Ausschau oder entspannen zwischen duftenden Blumen in herrlichen Schloss- und Parkanlagen nach englischer Gartenbaukunst. Wir geniessen die Weite und erreichen den Wörlitzersee mit seinem Schloss und vielen kleineren Bauwerken. Im Gotischen Haus stossen wir unverhofft auf Masswerkfenster mit Standesscheiben der alten Eidgenossenschaft aus einer Zürcher Werkstatt. Ein kleiner Garten Eden, in dem wir uns eine Gondelfahrt gönnen, bevor wir den Rucksack wieder packen und dem Fluss entlang Richtung Coswig wandern.

Und dann gelangen wir ins Zentrum des Geschehens, nach Wittenberg. Zusammen mit zehntausenden anderen Menschen aus aller Welt, die sich mit uns um die Türe der Schlosskirche von Wittenberg drängeln. An dieses Portal soll Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen ge - nagelt haben. So will es die Legende. Sicher ist, dass Luther seine Thesen an Erzbischof Albrecht von Brandenburg schickte. Er wollte sie wissenschaftlich diskutiert wissen. Sicher ist auch, dass die Welt danach eine andere wurde. Die mittelalterliche Welt war in Frage gestellt, der Aufbruch in die Moderne begründet.

«Eine feste Burg ist unser Gott» prangt in grossen Lettern auf dem Kirchenturm. Vielerorts sind die letzten Bauarbeiten für die Weltausstellung «Tore der Freiheit» im Gange. Die Stadt feiert ihren Reformator. Unser Spaziergang führt von der Thesentür über den Markt hinunter zur Luthereiche, wo Martin Luther 1520 die Bannandrohungsbulle des Papstes Leo X. und Bücher des römischen Kirchenrechts verbrannt haben soll. Unterwegs treten wir ein ins Lutherhaus, das über 35 Jahre lang die Hauptwirkungsstätte Martin Luthers war. Hier verfasste er seine berühmten Schriften. Das Wohnzimmer der Familie Luther ist original erhalten. Etwas abseits steht die Stadtkirche St. Marien, die Mutterkirche der Reformation, in der Luther mehr als 2000 Predigten gehalten hat und mit Katharina von Bora getraut worden ist.

Die ganze Stadt spricht Luther. Auch das Panorama «Luther 1517» von Yadegar Asisi, ein Riesenrundbild, das uns auf eine Zeitreise ins Wittenberg vor 500 Jahren nimmt. Von der Aussichtsplattform blicken wir ins Geschehen zwischen Schlosskirche, Stadttor, Propstei und der Amtsmühle mit Stadtkirche. Es wird Nacht und wieder Tag. Der Reformator ist in verschiedenen Lebens altern zu entdecken. Zu ihm gesellen sich Friedrich der Weise, Philipp Melanchton, Lucas Cranach und Katarina von Bora, aber auch anonyme Bürger, Adlige, Handwerker und Bauern. Von Ferne sind Hammerschläge an die Türe der Schlosskirche zu hören. Kein Zweifel: Wir sind bei Luther angekommen.

Pia Stadler, forum, Zürich

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■ Mehr über die Wanderung auf dem Lutherweg unter
www.forum-pfarrblatt.ch,
nähere Infos zum Weg unter www.lutherweg.de

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An die Türe der Schlosskirche von Wittenberg soll Luther seine Thesen angeschlagen haben.
Idyllische Wege im Wörlitzer Park
In St. Marien in Wittenberg fand 1521 der erste evangelische Gottesdienst statt, mit Predigt und
Gesang in deutscher Sprache und Brot und Wein für alle.


Bilder: Christoph Wider
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