Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 10

Sich selber definieren

Ein Au-pair-Jahr im Rückblick

Vor fünf Jahren arbeitete Olivia Stucki als Au-pair in der französischen Schweiz. Sie ist sich sicher, dass ihr dieser Aufenthalt dazu verholfen hat, eine Lehrstelle als Rezeptionistin zu bekommen. Doch nicht nur aus diesem Grund ist für sie dieses Jahr ein Baustein in ihrer Lebensgeschichte, den sie nicht missen möchte.

Viele träumen schon lange vorher davon, als Au-pair ins Ausland zu gehen. Bei Olivia Stucki war es anders. Nach einem Jahr auf der Pädagogischen Maturitätsschule wollte sie den eingeschlagenen Weg nicht mehr fortsetzen. Um eine Lehre zu beginnen, war es schon zu spät. Da riet ihr ihre Mutter, die Zeit für einen Sprachaufenthalt zu nutzen. PRO FILIA (siehe Anmerkungen) setzte alle Hebel in Bewegung, um noch eine Gastfamilie für sie ausfindig zu machen. Nach einem Schnupperaufenthalt war klar, dass die damals Sechzehnjährige ihren Dienst in einer Familie in Bussigny bei Lausanne beginnen kann.

Aus einer Notlösung wurde schliesslich eine unvergessliche Zeit. «Meine Gastfamilie ist mir sehr ans Herz gewachsen. Ich habe immer nur von ‹meinen› Au-pair- Kindern gesprochen», erzählt Olivia Stucki. Noch bis heute habe sie – wenn auch unregelmässig – Kontakt zu ihnen.

Sich auf Neues einlassen

Zu ihrer Hauptaufgabe gehörte es, die beiden vier- und achtjährigen Kinder zu betreuen. Aber auch für das Kochen und den Haushalt war sie manchmal zuständig. Das Leben in der neuen Familie fiel Olivia Stucki anfangs nicht immer leicht. Sie erinnert sich auch an Zeiten, als sie sich alleine fühlte. Besonders schwer fielen ihr die Abschiede von daheim. «Da muss man auch mal über den eigenen Schatten springen», sagt sie im Blick auf damals.

Ausserdem erlebte sie es als hilfreich, sich nicht immer an den eigenen Gewohnheiten festzuhalten, sondern sich auch auf Neues in der Gastfamilie und im Gastland einzulassen. Dies rät sie auch jedem, der ein Au-pair-Jahr machen möchte. So könne diese Zeit zu einem ganz besonderen Lebensabschnitt werden, an den man später gern zurückdenkt.

Selbstvertrauen

Wie sehr Olivia Stucki von ihrem Aufenthalt in der Westschweizer Familie profitierte, wurde ihr erst im Nachhinein bewusst. Mit ihrem Sprachdiplom B1, das sie «ohne viel Aufwand» am Ende der Zeit ablegte, hatte sie nämlich entscheidende Vorteile bei ihrer Bewerbung um eine Lehrstelle als Rezeptionistin. «Ich bin dort mit meinem Französisch herausgestochen», sagt sie nicht ohne Stolz.

Doch die Sprache war nicht das einzige, was sie dort lernte. Der Aufenthalt trug auch dazu bei, dass sie sich in ihrer Persönlichkeit weiterentwickelte. «Ich habe gemerkt, dass schulisches Wissen nicht alles ist, sondern dass es auch wichtig ist, wie man als Mensch ist, wie man auf andere zugeht, wie man mit ihnen umgeht», fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. Es sei für sie eine Gelegenheit gewesen, sich selber zu definieren, wer sie sein und was sie von sich zeigen wolle. Die aufmunternden Rückmeldungen der Gastmutter hätten ihr zudem Sicherheit und Selbstvertrauen gegeben. Wertvolle Impulse, die sie zu der machten, die sie heute ist.

Olivia Stuckis Begeisterung für «Au-pair» scheint bis heute ungebrochen. Denn die 22-Jährige liebäugelt mit einem weiteren Aufenthalt – dieses Mal in einem englischsprachigen Land. «Als Au-pair bekommt man eben mehr von der Kultur eines Landes mit als in einer Sprachschule», begründet sie ihre Überlegung.

Detlef Kissner

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PRO FILIA Thurgau

Wer sich für einen Au-pair-Aufenthalt interessiert, ist bei PRO FILIA Thurgau an der richtigen Adresse. Der gemeinnützige Verein hilft Mädchen und Jungen ab 16 Jahren eine geeignete Stelle in der Romandie und im Tessin zu finden und betreut sie während dieser Zeit. Damit der Aufenthalt gelingt, werden – zum Teil in Kooperation mit Partnerorganisationen – geeignete Familien gesucht. Nach einem erfolg reichen Schnuppereinsatz schliessen das Au-pair und die Gastfamilie einen Vertrag ab, in dem unter anderem die Arbeitszeit, der Lohn, die Versicherung und die Möglichkeit zum Sprachkurs genau geregelt sind. Während ihres Einsatzes können sich die Au-pairs bei Fragen oder Problemen an PRO FILIA wenden. Die Organisation vermittelt jungen Menschen ab 18 Jahren auch Aufhalte nach Irland, England, Frankreich, Spanien und Italien.

Am 21. Mai ist die Kollekte in den Thurgauer Pfarreien für PRO FILIA Thurgau bestimmt. Die Spenden tragen dazu bei, die Vermittlungsgebühren gering zu halten und damit vielen interessierten Jugendlichen einen Au-pair-Aufenthalt zu ermöglichen.

■ Nähere Infos: www.profilia.ch/tg/

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Olivia Stucki mit «ihren» beiden Au-pair-Kindern

Bild: zVg
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