Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Aktuelle Ausgabe Nr. 10

«Heilig» und immer noch lebendig

Niklaus von Flüe – Mensch und Mystiker seiner Zeit (5)

Als «lebendig Heiliger» galt er schon in seiner Zeit. Erst im Jahr 1947 sprach ihn Papst Pius XII. heilig – und dies nicht ohne Nebengeräusche.

Verehrt wurde Bruder Klaus von vielen bereits zu Lebzeiten. Schon bald nach seinen Tod 1487 wurde Bruder Klaus für die eidgenössischen Stände zu einer Integrationsfigur, welche nicht nur von den Katholiken, sondern durchaus auch von den Reformatoren gerne in Anspruch genommen wurde. Ein echter Landesvater war geboren, kompatibel für vielerlei Zuschreibungen.

Mit dem definitiven Untergang der alten aristokratischen Kräfte und der liberalen Wende ab 1830 brauchte diese neue Schweiz neue Ideen. Der Liberalismus wurde zu einem Leitprinzip. Religiös gebundenen Leitfiguren funktionierten darin schon gar nicht mehr, zumal sich doch die Katholiken und Reformierten nicht sehr versöhnlich gegenüberstanden, zumindest die, die etwas zu sagen hatten. Bruder Klaus wurde nun definitiv nur noch für die Katholiken mit konservativ-ultramontaner Gesinnung zu einer Leitfigur, und für Protestanten ein No-Go.

Ideen statt Macht

Nach dem Kulturkampf ab Ende des 19. Jahrhunderts wendete sich das Blatt. Die Zeiten schienen ruhiger zu werden, die Katholiken waren nun mehr und mehr in den modernen Staat eingebunden. 1891 fanden die 600-Jahr-Feierlichkeiten des wohl so historisch nicht stattgefundenen Rütlischwurs statt, vorher Sempacher-, nachher Morgartenfeier. Ein Volk braucht Mythen – wer ist man denn sonst? Kein König, kein Kaiser, kein grosser Einfluss in der Welt, von aussen mehr bestimmt, als einem lieb ist. Was bleibt? Es sind die Ideen. Die Ideen von Freiheit, Eigenständigkeit, Unabhängigkeit, Bescheidenheit. Arbeitsam zu sein und ein guter Staatsdiener zu werden, Verantwortung für das Land und die Leute zu übernehmen, die Eigeninteressen hinter das Allgemeinwohl zu stellen – das ist des Schweizers Lösung.

Landesvater

Die Stunde schlug wieder für Bruder Klaus. Eine moralische Instanz, unzweifelhaft, der die engen Grenzen der Schweiz legitimierte und die Neutralität zur Leitidee machte. «Machet den Zun nid zu weit» – zwar in einem anderen Zusammenhang ihm Jahre später in den Mund gelegt. Gesagt hat er so etwas nie. Trotzdem hilft es. Es ist doch eine Tugend, klein zu bleiben, die vielleicht mehr aus der Not kommt, als aus freiem Entscheid. Ein Patriot durch und durch, dieser Bruder Klaus. Und in Krisen des Krieges wichtig, eine Integrationsfigur über Parteien, Konfessionen und Landesteilen. Ein neuer, figuraler Mythos für den Zusammenhalt, wie für die Schule Heinrich Pestalozzi, und die Kultur Jeremias Gotthelf. Die schützende Hand, gemalt auf dem Fresko in der Kapelle, zeigt ihn. Den Landesvater und Beschützer. Und man soll diese Hand 1940 über Waldenburg gesehen haben. Wolkengebilde oder Wunder?

Bruder Klaus, der gesellschaftliche und konfessionelle Gegensätze auflöste: Bauer und Bürger, katholisch-konservativ und reformiert-liberal. Nur die Sozialdemokraten blieben vor der Türe. Sie wurden neu, wie die konservativen Katholiken vor ihnen, zu den «vaterlandslosen Gesellen».

Heilig gesprochen

Und dann diese Idee: Vom Papst wollen die Katholiken ihn heilig machen lassen! Ein Affront gegenüber den Reformierten. Was soll das? Übernehmen nun Katholiken wieder die Oberhoheit über Bruder Klaus? Nein, nein – so die Antwort. Schadensbegrenzung war von offiziell katholischen Würdenträgern zu hören. Er bleibt des Schweizers Nationalheiliger, aber eben für Katholiken halt noch zusätzlich ein besonderer. Die Feier fand statt. 15. Mai 1947, Rom, Hochblüte des Vereinskatholizismus hierzulande. Die reformierten Wortführer blieben stumm oder äussersten sich äusserst zurückhaltend, diplomatisch, manchmal dann halt doch etwas forscher. Freude hatten sie nicht. Vereinnahmung von Bruder Klaus durch die Katholiken? Bruder Klaus ist doch auch einer der ihrigen.

Jede Hochblüte vergeht. Auch die des Katholizismus der 30er- bis 50er-Jahre. Technik und Fortschritt ist angesagt, Bruder Klaus wird zum neuen Gegenpol, zum mystischen Friedensstifter. Und heute? Globalisierung, Digitalisierung und Beschleunigung, Zukunft ohne Zukunft, oder Angst vor dem, was da kommt? 600-Jahr-Gedenkanlässe für Bruder Klaus – eine Zumutung? Vielleicht. Das Motto steht: Mehr Ranft. Innere Haltungen prüfen, aus der Beschleunigungsfalle heraustreten. Zulassen von dem, was kommt, im Vertrauen auf das Gute?

Guido Estermann

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Bruder Klaus hat seine Strahlkraft bis heute nicht verloren (Altarflügel der alten Pfarrkirche Sachseln, 1492, lebensgrosses Gemälde, heute im Museum Bruder Klaus).

Bild: Ökumenisches Heiligenlexikon
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