Pfarreiblatt der Bistumskantone
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Ausgabe Nr. 10

Von der «Ebenbürtigen» zur Alleinerziehenden

Portrait einer engagierten Mutter: Mileva Marić

Muttersein und Karriere zu vereinbaren ist seit jeher eine Herausforderung. Mileva Marić machte diese Erfahrung als erste Frau von Albert Einstein und als Mutter seiner drei Kinder.

«Wie glücklich bin ich, dass ich in Dir eine ebenbürtige Kreatur gefunden habe, die gleich kräftig und selbstständig ist, wie ich selbst.» Diese Worte schrieb Albert Einstein im März 1901. Damals war der spätere Nobelpreisträger bis über beide Ohren verliebt in Mileva Marić. Kennengelernt hatte er sie an der ETH in Zürich, wo sie seine Kommilitonin war. Sie war die einzige Frau ihres Jahrganges und erst die zweite Studentin, die an der Abteilung für Physik und Mathematik ein volles Studium absolvierte.

Mileva wurde 1875 in Titel im heutigen Serbien in eine wohlhabende Familie geboren. Früh erkannte der Vater die intellektuellen Fähigkeiten seiner Tochter. Er ermöglichte ihr den Besuch des Gymnasiums in Zagreb und später der Höheren Töchterschule in Zürich. 1896 nahm Mileva ihr Studium am Eidgenössischen Polytechnikum, wie die ETH früher hiess, mit dem Berufsziel Lehrerin auf. Es war eine Zeit, in der studierende Frauen noch die Ausnahme waren. Allein schon der Besuch eines Gymnasiums als Voraussetzung für die Hochschulreife war nur wenigen Mädchen möglich. Ganz zu schweigen von der Zulassung zu einer Universität. Eine solche erhielten Frauen im deutschsprachigen Raum damals nur in der Schweiz.

Wissenschaftliche Arbeit

Im Dezember 1901 schrieb Einstein dann: «Wie glücklich und stolz werde ich sein, wenn wir beide zusammen unsere Arbeit über die Relativbewegung siegreich zu Ende geführt haben!» Eine Aussage, die später immer wieder kontrovers diskutiert wurde: Wie weit, so fragt man sich bis heute, hat Mileva an der Entwicklung der Relativitätstheorie mitgewirkt? Aus dem Briefwechsel ist ersichtlich, dass Einstein seine Ideen mit Mileva besprach. «Sie las seine Manuskripte vor der Publikation und überprüfte die Berechnungen», schreibt Hubert Goenner in seiner Einstein Biographie. Doch wie weit reichte ihr Einfluss? Feststeht, dass Mileva ihre Diplomprüfung an der ETH zweimal nicht bestand. Beim zweiten Mal war die junge Frau schwanger von Albert Einstein. Das uneheliche Kind gebar sie 1902 in ihrer Heimat. Es ist unklar, ob das kleine Mädchen verstarb oder ob es zur Adoption freigegeben wurde. Einstein sieht das Kind nie. 1903 heiraten Mileva und Albert gegen den Willen ihrer Familien. Ein Jahr später bringt Mileva den Sohn Hans Albert zur Welt. Und damit, so Boenner, sei es mit der gleichberechtigten wissenschaftlichen Zusammenarbeit vorbei gewesen. «Mileva kochte, putzte, nähte und kümmerte sich um das Kind.» Ihr Arbeitsplatz ist nun der Haushalt an der Kramgasse 49 in der Berner Altstadt, wo die Familie lebt. Albert kümmert sich derweil um das Einkommen. Er nimmt eine Stelle beim Berner Patentamt an. 1905 ist das Jahr, in welchem er seine Arbeiten zur Relativitätstheorie einreicht. Vier Jahre später zieht die Familie nach Zürich, wo Einstein vorübergehend an der Universität doziert. 1910 wird der zweite Sohn Eduard geboren. Noch gibt es vereinzelte Belege für eine wissenschaftliche Mitarbeit Milevas. Noch scheint das Familienleben intakt.

Alleinerziehende Mutter

Doch 1912 beginnt Einstein eine Brieffreundschaft mit seiner Cousine Elsa Löwenthal in Berlin. Als er eine Forschungs- und Lehrtätigkeit in Berlin angeboten bekommt, drängt er darauf, mit der Familie dorthin zu übersiedeln. Mileva gibt widerstrebend nach. Erst in Berlin erfährt sie von Einsteins Beziehung zu Elsa. Einstein droht seiner Frau, sie zu verlassen und knüpfte das weitere Zusammenleben an unmenschliche Bedingungen: «Du sorgst dafür, dass meine Kleider und Wäsche ordentlich im Stand gehalten werden, dass ich die drei Mahlzeiten im Zimmer ordnungsgemäss vorgesetzt bekomme.» Es folgen weitere Anweisungen zu Ordnung und Haushalt. Insbesondere legt Einstein Wert darauf, dass der Schreibtisch ihm allein zur Verfügung steht. Im «Gegenzug» soll sich Mileva verpflichten, auf alle «Zärtlichkeiten» zu verzichten und jegliche Widerrede zu unterlassen.

Mileva zieht die Konsequenzen und kehrt nach Zürich zurück. 1919 wird die Ehe mit Albert geschieden. Zwei Jahre später erhält Einstein den Nobelpreis. Das Preisgeld geht – so will es die Scheidungsvereinbarung – an Mileva. Sie investiert es in eine Liegenschaft. Das ermöglicht ihr ein geregeltes Einkommen und einen bescheidenen Lebensunterhalt. Sie gibt noch Stunden, kann aber ohne Diplom nicht als Lehrerin arbeiten. Ihre Hauptbeschäftigung ist nun die Pflege ihres jüngeren Sohnes Eduard, der an Schizophrenie erkrankt ist. 1948 stirbt Mileva Marić.

Sibylle Zambon-Akeret

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Mileva und Albert Einstein 1912

Bild: Wikimedia Commons
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