Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Aktuelle Ausgabe Nr. 10

Musik, die nicht vom Himmel fällt

Kirchenchöre im Wandel

Kirchenmusik und Gottesdienst sind seit Jahrhunderten miteinander verbunden. Heute allerdings kämpfen viele Chöre mit Mitgliederschwund oder gar ums Überleben.

Noch vor wenigen Jahren war der katholische Kirchenchor Bischofszell ein blühender Chor. In den besten Zeiten hatte er fast 60 Mitglieder. Zehnmal pro Jahr kam er an kirchlichen Feiertagen zum Einsatz. Doch vor zwei Jahren zog sich der damalige Leiter zurück. Und damit begann der Exodus. Beat Baumgartner war langjähriger Präsident des Chores und sang fast 40 Jahre lang mit. «Es fiel den Alteingesessenen schwer, sich an den neuen Führungsstil der Nachfolgerin zu gewöhnen», meint er. Zudem hätten keine Neumitglieder gewonnen werden können. Der Chor schrumpfte auf 19 Mitglieder, bis er sich im letzten Februar ganz auflöste.

Roberto Alfarè kennt das Problem. Er ist Präsident des Katholischen Kirchenmusikverband Thurgau (KKVT) und selbst Chorleiter. «Dass Chöre eingehen, ist kein neues Phänomen», sagt er. Er nennt die Zahlen: Noch vor 60 Jahren gab es Kanton Thurgau 56 katholische Kirchenchöre mit rund 1‘500 Mitgliedern. Heute sind es noch 21 Chöre mit 600 Sängerinnen und Sängern. Die Gründe für dieses «Chorsterben» ortet er in der Überalterung vieler Chöre, im fehlenden Nachwuchs, aber auch in einem gesellschaftlichen Wandel.

Sozialer Aspekt

Für Alfarè ist die soziale Seite des Chorlebens ganz wichtig. Dazu gehöre etwa, dass man nach einer Probe noch zusammensitzt und etwas trinkt. Daran scheiterte der Bischofszeller Chor aber nicht. Beat Baumgartner betont: «Der soziale Zusammenhalt war stets sehr gut.» Er hat sogar den Chor selbst überlebt. So sind dieses Jahr noch gemeinsame Unternehmungen geplant. Baumgartner sieht die Ursache des Scheiterns andernorts: Die Chemie zwischen Sängerinnen und Sängern und dem Chorleiter müsse stimmen. Denn der Dirigent sei für alle eine Bezugsperson. «Ihn schaut man an, auf ihn ist man eineinhalb Stunden pro Woche fixiert», so Baumgartner. Es brauche deshalb eine Person, die «die Leute dort abholt, wo sie stehen».

Genau dieser Aspekt ist Manuela Eichenlaub wichtig. Die Berufsmusikerin und Chorleiterin des katholischen Kirchenchores Weinfelden nimmt ihn wörtlich. «Wenn jemand neu in den Chor eintreten will, mache ich nach einigen Proben ein persönliches Gespräch mit der betreffenden Person ab.» Es gehe einerseits darum, sich kennenzulernen. Andrerseits könne sie sich bei dieser Gelegenheit mittels ein paar Übungen ein Bild von der Stimme und Tonlage einer neuen Sängerin oder eines Sängers machen. Auch die Proben beginnt der Chor jeweils mit Stimmbildung, um die Stimme aufzuwärmen: «Da ist immer auch etwas Gesangsunterricht dabei.» Denn, so die Chorleiterin, es gehe nicht nur ums Proben von Werken, sondern auch um die persönliche Weiterentwicklung der Sänger.

Auf gleicher Wellenlänge

Auch in der Werkauswahl ist Manuela Eichenlaub bemüht um Vielfalt und Abwechslung. «Wir haben ein grosses Repertoire an Bach, Haydn, Mozart, Schubert.» Zudem lotet sie gerne Grenzen aus, etwa mit Spirituals, wie dieses Jahr am Muttertag. Dass der Zugang zu klassischer Musik nicht für alle gleich einfach ist, ist ihr bewusst: «Das fällt nicht vom Himmel.» Doch aus Erfahrung weiss sie, dass sich den Musizierenden mit dem Einstudieren von Werken wie «Die Schöpfung» von Haydn ganz neue Klangwelten eröffneten und sie sich begeistern liessen. Es sei immer ein Erlebnis, wenn man als Chor auf gleicher Wellenlänge musiziere. Aber, so betont sie, ihre Aufgabe sei stets unter dem Aspekt zu sehen, «dass wir als Chor im Gottesdienst ein Diener sind, um den Anwesenden den Zugang zu Gott zu erleichtern.»

Freilich, so gibt sie zu, habe der Chor auch einen gewissen Ruf. Denn bei zwölf Einsätzen pro Jahr muss man relativ schnell arbeiten. Der Chor probt jeweils einmal pro Woche. Dazu kämen Vorproben vor Auftritten und bei grösseren Konzerten noch zusätzliche Probetage an Freitagen oder Samstagen. Schreckt das nicht ab? Nein, sagt Manuela Eichenlaub. Gerade dieses zusätzliche Engagement würde die Gemeinschaft zusätzlich stärken. Viele Mitglieder sängen seit 10 bis 30 Jahren im Chor. Und wie steht es um den Nachwuchs? «Neue Sänger sind immer willkommen», sagt Eichenlaub.

Kontinuität ist also ein wesentlicher Faktor, wenn es um das Überleben von Kirchenchören geht. Deshalb hat der KKVT bereits vor 20 Jahren das Projekt «Kirchenmusik der Zukunft» lanciert. Sein Ziel: Mit verschiedenen Gefässen die Chorarbeit in der Gemeindearbeit zu verankern. So sollen vom Eltern-Kind-Singen, über Kinder- und Jugendchöre bis hin zum Kirchen- oder Gospelchor potentielle Sängerinnen und Sänger angesprochen werden. Ein Vorgehen, das sich in grösseren Pfarreien und Pastoralräumen mit mehr personellen und finanziellen Ressourcen, umsetzen lässt. «Hier steht es auch um den Nachwuchs nicht so schlecht», sagt Roberto Alfarè.

Vom Kirchenchor zum Projektchor?

Aber auch er weiss: Patentrezepte zur Förderung von Kirchenchören gibt es keine. Zudem sei die Einflussnahme durch den KKVT beschränkt. Der Verband versteht sich als Plattform für den Austausch von Informationen, für Bekanntmachungen und als Anlaufstelle bei Fragen administrativer Art. «Aber grundsätzlich», betont Alfarè, «wäre es auch möglich, dass mich Chorleiter oder Gemeinden bei Anliegen anfragen, die darüber hinausgehen.» Wie dies im Übrigen auch im Falle von Bischofszell geschehen sei.

Grundsätzlich scheinen sich immer mehr Kirchenchöre zu Projektchören zu wandeln. Das komme dem modernen Lebensstil entgegen, sagt Roberto Alfarè. Viele ältere Menschen seien heute oft über mehrere Wochen ferienabwesend oder könnten sich aus andern Gründen nicht regelmässig in einem Chor engagieren. Ähnlich sieht es Beat Baumgartner. «Heute ist man sehr beansprucht in der Berufswelt», meint er, «dann ist man am Abend gerne einfach mal zu Hause.» Er selbst singt wieder in einem Chor. Denn in Bischofszell hat sich vor Kurzem ein Projektchor gebildet. Für die St.-Pelagius-Feier im September probt man nun unter der Leitung des Organisten. Und der ehemalige Präsident meint: «Wir sind zwar nur elf Sängerinnen und Sänger, aber stimmlich überzeugen wir.»

Sibylle Zambon-Akeret

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Bild: Elias Kwasnicki
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