Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
forumKirche
Ausgabe Nr. 8

Verschiedene Pfade zum Heil

Ein Bildvortag über die indische Grossstadt Varanasi

Für Hindus ist Varanasi die heiligste Stadt. Doch auch andere Religionen sind hier beheimatet. Mark Keller, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Thurgau, kennt Varanasi von vielen Besuchen her. In einer Foto-Reportage zeigt er, was man an diesem Ort über das Zusammenleben von Religionen lernen kann.

Varanasi liegt an einer Biegung des heiligen Flusses Ganges im Bundesstaat Uttar Pradesh im nordöstlichen Teil Indiens. Laut einer Volkszählung von 2011 leben hier etwa 1,2 Millionen Menschen. Etwa 69 Prozent von ihnen sind Hindus, etwa 30 Prozent Muslime. Varanasi gilt als eine der heiligsten Stätten des Hinduismus. Seit mehr als 2500 Jahren ist sie das Ziel gläubiger Pilger. Nach hinduistischer Vorstellung soll ein Bad im Ganges von Sünden reinigen. Wer hier stirbt und wessen Asche im Fluss verstreut wird, kann – der hinduistischen Mythologie zufolge – aus dem ständigen Kreislauf der Wiedergeburt ausbrechen.

Aber auch für Buddhisten hat der Ort eine besondere Bedeutung. «Nur wenige Kilometer von hier soll Buddha das Rad der Lehren angedreht haben, das heisst zum ersten Mal seine Ideen verkündet haben», erzählt Mark Keller. Zahlenmässig spielen Buddhisten hier – ähnlich wie Dschainas (Anhänger des Jainismus) oder Christen – eine zu vernachlässigende Rolle. Um 1200 n. Chr. geriet die Region unter muslimische Vorherrschaft. In dieser Zeit wurden auch Hindutempel zerstört. «Danach haben die Religionen friedlich koexistiert bis zu den Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit den Unabhängigkeitsbestrebungen», so Keller.

Parallelen

Wenn er heute durch die Strassen von Varanasi gehe, erlebe er das Verhältnis der Religionen als ein Nebeneinander, so der Indienkenner. Mithilfe von Fotos macht er deutlich, wie sich die verschiedenen Richtungen des Hinduismus durch ihre Stirnzeichen unterscheiden. Viele Muslime erkenne man auf der Strasse leicht an ihren Kopfbedeckungen. In seinem Vortrag wird Mark Keller aufzeigen, wie die Bildsprache des Hinduismus auf Darstellungen des Christentums abgefärbt hat: «Der Strahlenkranz um die Madonna hat seinen Ursprung möglicherweise in einer Darstellung von Shiva.» Parallelen entdeckt er nicht nur in den Bildern, sondern auch in der Vorstellung, mit dem Göttlichen in eine liebende Beziehung zu treten: «‹Ich liebe Krishna› bedeutet ähnlich wie ‹Ich liebe Jesus›, dass man sich auf den Weg der liebenden Hingabe an Gott macht.»

Faszinierend findet Keller die monistischpantheistische Lehre der indischen Vedanta-Philosophie, die das Göttliche in der Natur entdecke und ihn an die Gedanken Spinozas erinnere. Auch im Gespräch mit gläubigen Muslimen habe er immer wieder eine gewisse Nähe zu deren Glauben gespürt.

Wasser, das reinigt

In seinem Bildvortrag möchte Mark Keller auch auf die Vielfalt der Gottesvorstellungen und auf die grosse Bedeutung des Ganges eingehen, dessen Wasser die Menschen innerlich rein machen soll. Er wird Sadhus (Asketen) vorstellen, die auch lustvoll am hinduistischen Frühlingsfest Holi teilnehmen. Frauen meiden in dieser Zeit die Öffentlichkeit, um nicht von Männern begrapscht zu werden. Ausserdem wird Keller einen Blick auf Formen von Religiosität werfen, die einem auf Strassen und Plätzen begegnen, z. B. religiösen Rituale, Gottesdienste im Freien oder Kremationen an den Ufern des Ganges.

Das letzte Ziel

Ein besonderes Anliegen ist es Mark Keller, auf Vorstellungen zu Tod und Erlösung hinzuweisen, die ihm in Indien begegnet sind. Sowohl aus Sicht des Hinduismus als auch des Buddhismus steckt der Mensch im Strom der Wiedergeburt. Sein Ziel erreicht er im Eingehen in die All-Seele (Hinduismus) bzw. im Nirwana, im Verlöschen seiner Lebensenergie (Buddhismus). Bildlich gesprochen führen verschiedene Pfade zu dem einen Ziel, zu dem einen Gipfel, z. B. über die Liebe zu Gott oder über die Erkenntnis oder über die Pflicht ethischen Handelns. Wer anfängt zu streiten, welches der richtige Weg ist, tritt auf der Stelle und kommt nicht weiter. Das sei aus indischer Sicht unsinnig, so Keller. Das einzige, was zählt, ist, den einmal eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen.

Detlef Kissner

---------------------------------------------------------

Der Bildvortrag «Varanasi – oder: Was man auf Reisen für das interreligiöse Zusammenleben lernen kann» findet am Freitag, 5. Mai, um 19.00 Uhr an der Pädagogischen Hochschule in Kreuzlingen statt. Veranstalter ist der Interreligiöse Arbeitskreis im Kanton Thurgau, der Interessierte herzlich dazu einlädt. Anschliessend findet die Mitgliederversammlung des Vereins statt.

---------------------------------------------------------

zurück zur Übersicht

Eine Ähnlichkeit in der Darstellung von Shiva und Maria ist nicht zu übersehen.

Bilder: Mark Keller
mime file icon Gottesdienstplan (13 KB)
Webdesign: dfp.ch | Umsetzung: chrisign gmbh