Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 8

Frau und Familie verlassen

Niklaus von Flüe – Mensch und Mystiker seiner Zeit (3)

Was stritten sich doch die Theologen und Geschichtsschreiber in seiner Zeit. Darf Niklaus seine Familie und seine Kinder einfach verlassen?

Selten gab es so etwas ja nicht. War es doch so, dass viele Männer auf Wallfahrten gingen, um das Heil zu suchen, vielleicht auch um aus den Umständen auszubrechen. Aber nichtsdestotrotz, einfach zu gehen, und alles zurückzulassen – war dies ein akzeptabler Weg?

Schwer zu verstehen

Petrus Numagen von Trier wollte es beweisen, dass es juristisch rechtens war. In scholastischer Manier überzeugte er 1483 seine Nachwelt. Ja, um ein gotterfülltes Leben zu führen darf man sie verlassen – die Frau. Heinrich Wölfin, erster offizieller Biograf, der im Auftrag des Standes Obwalden die Lebensgeschichte des Heiligen im Ranft 1501 aufschrieb, machte es schon sensibler. Eine intakte Beziehung sei es gewesen, die Ehe zwischen Klaus und Dorothea, und die Trennung fand unter dem Einverständnis seiner Gattin statt. Ein einvernehmlicher Entscheid sei es gewesen. Trotzdem, die Nachwelt, gerade jene des 21. Jahrhunderts, bekundete trotzdem Mühe. Die Mühe ist zu verstehen, wenn man das bürgerliche Familienideal des 19. Jahrhunderts zur Folie nimmt. Aber die Sache lässt sich nicht so einfach sehen.

Niklaus von Flüe, so moderne Interpreten, lebte in einer ganz anderen Zeit. Die Familie war nicht per se – nur – eine Liebesgemeinschaft, vielmehr eine auch von wirtschaftlichen Interessen geprägte. Und der Vater hatte seine Rolle zu spielen. Er war Oberhaupt der Familie, Garant dafür, dass das System «Familie» funktionierte.

Ausweg aus einer Krise

Und dann dies: Die Krise des Niklaus. Er war zeitweise – vielleicht gar sehr lange – nicht mehr ansprechbar. Er versank in tiefe Depressionen, in heutigen Bildern ausgedrückt. Er schwieg am oberen Ende des Tisches, seine Rolle spielte er nicht mehr. Unerträglich für ein System, wenn jener, der es repräsentiert und am Laufen hält, nichts mehr tut. Ökonomisch gesichert – der älteste Sohn war ja bereits 20 Jahre –, musste das System wieder in die Ordnung gebracht werden. Einvernehmliche Lösungen waren gefragt. Warum sollte sich Dorothea nicht dazu entschieden haben, zum Wohle der Familie und deren Fortbestandes, Niklaus zu unterstützen, dass sein Wegzug möglich wurde? Oder gar noch mehr, vielleicht war es ja auch notwendig, dass er ging? Nichts mehr als die Ordnung stand auf dem Spiel. Mit dem Abschied war sie wieder da. Die Ordnung. Und so stellt der Abschied im ersten nicht einfach eine Abwendung von der Familie dar, sondern eine Perspektive für die Zukunft. Er selbst sah seine in der Hinwendung zu Gott.

Heiligmässige Frau

Dorothea war wohl eine anständige, starke Frau. Und nicht selten gingen die Besucher zuerst zu ihr, bevor der steile Weg in die nahe gelegene Klause unter die Füsse genommen wurde. «Eyne suberliche junge Frawe» mit einem «suberlich angesichte und eyn glat vel» sei sie gewesen, so berichten die Quellen. Sprache ändert sich, aber Schönheit bleibt wohl.

In der Wirkungsgeschichte wurde Dorothea selbst zu einer heiligmässigen Frau. Ja, sie war und ist selbst als Heilige zu sehen. Gedanken, die Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch im Ranft 1984 auch aufnahm.

Gefragter Berater

Niklaus von Flüe wurde zum Ratgeber seiner Zeit. Menschen gingen zu ihm, baten um Rat. 1467, nach irrigen Wegen bis nach Liestal, fand er wieder zurück. Zuerst im Stall versteckt, im Wald herumirrend, lebte er fortan in einer eigens für ihn gebauten Klause. Weit herum wurde bekannt, dass hier ein Mann lebte, den man um Rat fragen konnte. Von Abgeschiedenheit also keine Spur, durchaus reges Kommen und Gehen. Alltag in der Einsamkeit sieht anders aus. Und dann noch mehr: Niklaus, Bruder Klaus, wurde ungewollt in theologische Debatten verstrickt, deshalb auch die Bitte von den Standesherren, man möge ihn doch schützen und schauen, dass nicht jeder Dahergelaufene – sei er nun gescheit oder dumm – ihn belästige.

Guido Estermann

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Dorothea von Flüe mit drei ihrer Kinder vor der Villa Foresta, Mendrisio – Skulptur von Rolf Brem (Meggen, 1926–2014)

Bild: Louis Brem, Luzern
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