Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 7

Nichts gegessen – nichts getrunken

Niklaus von Flüe – Mensch und Mystiker in seiner Zeit (2)

Man hörte es wohl auf den Marktplätzen und in den Wirtsstuben, nicht nur in Zürich und Luzern. Nein, es schien bis weit in den Norden zu dringen, dass da einer «ohne Essen» sein soll, den man «als lebendig Heiliger» bezeichnete. Was war das für ein Mann?

In Zeiten, in denen Essen Mangelware war, da soll einer freiwillig nicht gegessen haben? Das konnte nicht mit rechten Dingen zugehen, da schien entweder der Teufel oder Gott im Spiel zu sein. Oder führte da einer die Leute an der Nase herum? Junker Hans von Waldheim, Hunderte von Kilometern weiter nördlich in Halle an der Saale, hörte von Bruder Klaus und wollte es genau wissen.

Der Pilger Waldheim

Waldheim machte sich auf den Weg zu Niklaus von Flüe. Nicht gerade extra, aber wenn man schon auf der Wallfahrt nach Santiago de Compostela war, da lohnte sich der Abstecher über Luzern in den Ranft. Allerdings wollten damals viele diesen Bruder in der Klause besuchen. Es herrschte ein geradezu reger Besucherstrom. Die Obwaldner Standesherren mussten deshalb die Luzerner bitten – oder eher auffordern? – doch gefälligst zu schauen, wer da über Luzern ins Flüeli kam. Gott- und echten Ratsuchenden wollte die Obwaldner Regierung den Weg zu Niklaus von Flüe nicht verwehren, aber Schaulistige und Neugierige waren gefälligst fernzuhalten. So hatte offensichtlich auch die Obrigkeit Einfluss darauf, wer zum Bruder kam und wer nicht.

Hans von Waldheim erreichte sein Ziel. In seinem Tagebuch beschrieb er seine Begegnung mit Bruder Klaus. Er hätte gehört von diesem «lebendig Heiligen», den man «Bruder Klaus» nennt, der in einer Klause lebe und der viele Jahre «weder gegessen noch getrunken» habe. Geschrieben 1474, gefunden erst viel später, ist dieses Tagebuch heute eine unschätzbare Quelle.

Die Untersuchung

Hans von Waldheim, ein Kaufmann, dem man nicht so leicht etwas vormachte, war erstaunt. Bruder Klaus war gar nicht schwach. Im Gegenteil, seine Glieder «waren warm», die Hände nicht kalt und das Gesicht nicht weiss. Komisch, wenn man nichts isst, stirbt man doch? Was war los? Diese Frage hatten sich schon andere vor ihm gestellt. War der Teufel im Spiel? Oder Gott? Untersucht musste die Sache werden, sonst wäre der Eremit durch die Inquisition in Gefahr geraten. Er musste geschützt werden. Auch die Obrigkeiten, die kirchliche und die staatliche, hatten ein Interesse, dass die Sache geklärt wurde. Unordnung und Gerede, das konnte niemand gebrauchen. Der damals zuständige Konstanzer Bischof veranlasste eine Untersuchung. Der Bruder im Ranft musste seinen Gehorsam gegenüber dem Bischof bekunden, indem er Brot ass und Wein trank. Das berichten spätere Quellen. 1469 bestätigte der Bischof durch die Weihe der Ranftkapelle die Nahrungslosigkeit des Bruder Klaus.

«Nimm mich mir …»

War die Sache damit erledigt? Es bleibt ein Rest des Unverständnisses: Wer glauben will, dass Niklaus von Flüe ohne Nahrung lebte, der kann, wer’s nicht kann, muss nicht. Denn: Vielleicht steht die Nahrungslosigkeit vielmehr in einem spirituellen Zusammenhang. Und ob nun Niklaus von Flües Frau Dorothea, die den Nachbarsbruder Ulrich in der nahen Klause mit Essen versorgte, ihrem Mann nicht auch ab und zu einen Bissen vorbeibrachte, ist aus dieser Haltung nicht mehr wichtig.

Die Lebenserfahrung zeigt: Leben heisst letztlich, sich von Dingen zu trennen, sie loszulassen. Bruder Klaus wird in der Mangelgesellschaft des Hochmittelalters mit seiner gewollten und nicht schicksalshaften Nahrungslosigkeit zum Kontrapunkt des Mainstreams. Er schafft Raum für das ganz Andere, wie es Bruder Klaus in seinem Gebet zum Ausdruck bringt: «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen dir.»

Guido Estermann/Red.

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Statue von Bruder Klaus in der Stefanskirche Emmishofen

Bild: Detlef Kissner
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