Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 6

Die Welt des Bruders Klaus

Niklaus von Flüe – Mensch und Mystiker in seiner Zeit (1)

In was für einer Welt lebte er, der Bauer aus Flüeli-Ranft, der schon zu seiner Zeit ein bekannter Ratgeber, tiefer Mystiker und politisch Einflussreicher war?

Niklaus von Flüe – ein schillernder Name, eine grosse Persönlichkeit. Aber wer war dieser Mann, der anscheinend «ohne Essen und Trinken» leben konnte, der seine Familie verliess, um in der Einsamkeit zu leben, der Ratschläge gegeben haben soll, die politische Krisen lösten? Wer war dieser Mann, der schon zu seinen Lebzeiten als «lebendig Heiliger» galt und weit über die Innerschweizer Täler bis tief ins damalige Heilige Römische Reich Deutscher Nation bekannt war?

Grosse Veränderungen

Es sind nicht nur die heutigen Zeiten, die den Menschen oft Sorge bereiten, es sind nicht nur die heutigen Tage, in denen sich das Lebenstempo für Mensch und Tier zu steigern scheint. Auch frühere Zeiten oblagen grossen Veränderungen. In der Zeit von Niklaus von Flüe schien viel, was früher galt, nicht mehr gelten zu wollen. Dieses 15. Jahrhundert war geprägt von grossen Umbrüchen, politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und individuellen.

Auch in den Innerschweizer Tälern veränderte sich die Welt. Die Grossbauern und Landbesitzer wurden durch neue Landwirtschaftsmethoden reich, konnten Vieh und Käse produzieren, dies in Mengen in die Städte des neu entstandenen Bundes der Alten Eidgenossenschaft liefern. Die Bubenscharen in den Bauernstuben wurden grösser und grösser, als Arbeitskräfte waren sie oft übrig. Was lag näher, als in fremden Diensten Geld zu verdienen? Und beliebt waren sie, die jungen Männer aus den Tälern. Sie sprachen eine Sprache, die niemand verstand, dieser Dialekt, für Franzosen, Italiener, selbst Deutsche unverständlich. Eine gute Voraussetzung für den Krieg. Verrat war kaum möglich, man verstand sie nicht. Und zupacken konnten sie auch – gut für den Kriegsdienst.

Ablass und Reliquien

Und nicht nur der einfache Mann und die ledige Mutter, auch der Grossbauer und die Herrin auf dem Hof wollten es: Das Heil im Himmel. Das musste gesichert werden. Und da langte man doch ganz tief in die Tasche, kaufte den Ablass-Zettel, der einem Heil versprach, die vergangenen Sünden tilgte, ja gar zukünftige im Voraus schon mal eliminierte. Ein einträgliches Geschäft – nicht nur für die Kirche. Heute noch zu bestaunen als Petersdom, so bezahlt. Staunend stehen wir in unseren Tagen davor und rühmen uns damit unserer Wurzeln.

Gebetet hat man, gewallfahrt ist man, Heilige und Reliquien verehrte man, Volksreligion eben. Mit der vernunftorientierten Theologie, genährt vom wiederentdeckten Aristoteles in den Stuben der Gelehrten, hatte dies nicht sehr viel zu tun. Das Wissen blieb in den handgeschriebenen Büchern. Wie sollte der Mensch auf den Alpen und Strassen der Städte schon Wissen über Gott, Himmel, Christus haben? Und manch eine Antwort gaben Wanderprediger und Eremiten, asketische Frauengruppen, die gottsuchenden Laien, die predigten.

Aufkommender Handel

Und dann diese Stadt! Lebenswelt, durchaus attraktiv. Geschäfte wurden gemacht, Handelsverbindungen geknüpft, neue Märkte erschlossen. Nicht unbekannt für die heutige Globalisierung. Handelsübereinkünfte brauchte es, Hansestädte waren es, die sich als Handelsbund organisierten, ganz Nordeuropa war damit bis weit in den Süden organisiert. Geld und Macht, Händler und Bankiers tauchten auf, die die Welt beherrschten.

Die Ökonomisierung der Welt half mit, das religiöse Lebensgefühl zu prägen. Die Welt wurde eingeteilt, mit Massen, Geld, und Uhren. Zeit ist Geld, der Deal fand zum abgemachten Zeitpunkt statt. Nicht nur heute. Und gezählt und gerechnet wurde, in den Susten, auf den Märkten, in den Banken. Und da blieb Religion nicht verschont. Auch in ihr wurde gezählt und gerechnet. 7 Sakramente, 14 Nothelfer, 50 Psalter, 7 Todsünden, ein umfangreicher Busskatalog. Kaufmännisches Denken eben.

Die Botschaft der Bilder

Lesen konnten die meisten nicht. Aber schauen. Und so malte man die Religion eben auf die Wände der Kirchen. Fresken erinnerten an die biblischen Geschichten und die Heiligen. Lernen durch Schauen, in Farbe. Ein pädagogisches Prinzip, übrigens bis heute gültig. Die Kirchenräume waren die Kinos des späten Mittelalters, Mann, Frau, Kind ging doch gerne dahin, und wenn damit noch die Wege für’s Heil erkannt werden können, umso besser.

Aber die Zeiten waren nicht nur golden. Es gab sie auch: den Krieg, die Pest, den finanziellen Absturz, den Unfall. Jeden konnte es treffen, ungeachtet von Stand und Rang. Ob König oder Bettler, ob Banker oder Bauer, ob Mann oder Frau, jederzeit und plötzlich stand er da – der Tod. Und darauf nicht vorbereitet zu sein, war das Schlimmste. Die letzte Ölung war das Mindeste. Man sehnte sich nach einem langsamen Tod, damit die Vorbereitungen getroffen werden konnten, damit die Türen in den Himmel geöffnet werden. Realität war der plötzliche. Ich sterbe – nicht der andere, oder die Sippe. Nein ich! Dieses Gefühl wurde im Mittelalter neu entdeckt, dargestellt in den Totentänzen.

Bruder Klaus

Und in einer solchen Welt lebte er, der Bauer aus Flüeli-Ranft, nicht ganz ohne Geld, aber zu wenig reich, um wirklich gross mitspielen zu können. Wollte er einfach mitmachen oder aussteigen, wie so viele vor ihm und nach ihm? Niklaus von Flüe sehnte sich nach etwas, was die Oberflächlichkeit durchdringen sollte, und dies mit der Kategorie der Religion. Achtung: Er lebte in einer Zeit vor der Psychotherapie von Sigmund Freud, wonach jede religiöse Regung potentiell krankhaft sein kann. Er lebt in einer Zeit, in der man mit Gott rechnen konnte, ohne dabei als quer und schräg zu gelten.

Niklaus von Flüe, geboren 1417 in Flüeli, getauft in Kerns, nahm wohl vor 1446/47 an legitimierten Kriegszügen teil. Mit 45 Jahren gerät er in eine tiefe Sinnkrise, sein Leben schien aus den Bahnen zu gleiten, selbst die Kinder und die Frau wurden im lästig, so später beschrieben in einem Bericht eines unbekannten Dominikaners. Aus der Krise half der Rat eines Freundes, vielleicht der Krienser Pfarrer Heimo Amgrund, der ihm riet, das «Leiden Christi» zu meditieren und in diesem Leiden des Herrgottes die Solidarität mit dem eigenen zu erfahren. Das eigene Leiden ganz loslassen, das eigene Ich ganz loslassen, damit Raum für Neues möglich wird. Meister Eckerhart nennt das den «Gottesdurchbruch». Es war – und ist – ein harter, mühsamer, aber heilsamer Weg. Ein Wende - punkt im Leben von Niklaus von Flüe.

Guido Estermann*/Red.

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*Guido Estermann ist Leiter Fachstelle Bildung- Katechese-Medien der katholischen Kirche Zug und Dozent an der Pädagogischen Hochschule Schwyz.

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Buchtipp

Bruder Klaus

Annäherungen an einen (Un)bekannten

Niklaus von Flüe – Grossbauer und Vater, Einsiedler und Mystiker, Berater und Vermittler – ist eine vielschichtige Gestalt aus dem Spätmittelalter, die weit über die Täler im Zentrum der heutigen Schweiz bekannt war und verehrt wurde und bis heute verehrt wird. Mit einem zutiefst religiösen Blick nahm er Einfluss auf das gesellschaftliche und politische Leben seiner Zeit. Das Sachbuch enthält viele historische Quellen und Darstellungen über das Leben und die Wirkung von Bruder Klaus und bietet einen differenzierten Blick auf Person und Zeit.

Autoren: Guido Estermann, Markus Ries, Regula Schmid Keeling, Sabine Ziegler

Rex-Verlag Luzern, 2016 ISBN 978-3-7252-0994-1

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Die Ranftschlucht mit unterer und oberer Ranftkapelle (Aquarell von Gabriel Lory, vor 1829).

Bild: helveticarchives.ch/Wikimedia Commons
Das Wohnhaus von Bruder Klaus liegt am Rande der Ranftschlucht. Es wurde rekonstruiert in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Bild: Ikiwaner/Wikimedia Commons
siehe Buchtipp
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