Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 6

Offen und einladend

Wo der Geist von Bruder Klaus weiterlebt

Bereits zu Lebzeiten übte der Einsiedler Niklaus von Flüe eine grosse Anziehungskraft auf Menschen aus, die auf der Suche waren. So passt es gut, dass dieser Heilige Patron einer Kapelle wurde, die den Suchenden von heute eine Heimat bietet. Die Bruderklausen-Kapelle in Frauenfeld hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. Hansruedi Vetsch, evangelischer Pfarrer und Präsident der Stiftung Bruderklausen-Kapelle, erzählt, wie sie sich nach jahrelanger Bedeutungslosigkeit mit Leben füllte.

Begonnen hatte alles mit einer wundersamen Heilung, die die Gründerin der Kapelle in einer kleinen Schrift beschreibt: Gertrud Huber-Brast litt an einer unheilbaren Nervenkrankheit. Bei einem Spitalaufenthalt riet ihr ein katholischer Priester, sie solle bei Bruder Klaus um Heilung beten. Als sie das Personal nach dem Namen des Geistlichen fragte, stellte sich heraus, dass gar kein Priester anwesend war. Die Pflegekräfte deuteten ihre Äusserungen als Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes. Ungeachtet dessen verliess Gertrud Huber das Spital auf eigene Faust und stieg in einen Schnellzug Richtung Sachseln. Wie durch ein Wunder machte der Zug ausserplanmässig in Sachseln Halt. Gertrud Huber stieg einfach aus und liess sich den Weg zur Pfarrkirche zeigen. In der Kirche fiel sie vor Erschöpfung in Ohnmacht. Als sie wieder zu Bewusstsein kam, war sie geheilt.

Bewegt und dankbar für diese Heilung, beschloss die evangelische Christin, in Gedenken an Bruder Klaus eine ökumenische Kapelle zur Versöhnung der Konfessionen zu bauen. Über zehn Jahre lang verkaufte sie Spruchkarten und sammelte Spenden für ihr grosses Projekt. Immer wieder wurden ihr Steine in den Weg gelegt – auch von Seiten der Behörden und der beiden Kirchen. Doch sie gab nicht auf, kämpfte weiter für ihren Traum. Im November 1960 wurde die Kapelle schliesslich ihrer Bestimmung übergeben.

Vorbehalte

Gertrud Hubers Vision war es, einen Ort zu schaffen, an dem sich die beiden Konfessionen einander annähern. Doch die Zeit war noch nicht reif dafür. Die beiden Kirchen, deren Verantwortliche auch im Stiftungsrat der Bruderklausen-Kapelle vertreten waren, wussten dies erfolgreich zu verhindern. «Man empfand liturgische Angebote in der Kapelle als Konkurrenz zu den bestehenden Gottesdienstformen in den Gemeinden», erläutert Hansruedi Vetsch. Trotz ihrer Beharrlichkeit konnte Gertrud Huber bis zu ihrem Tod bei den Vertretern der beiden Kirchen kein Umdenken bewirken. Erst vor gut fünf Jahren trat ein Wandel ein. «Damals begann man, zu ökumenischen Andachten, Taizé-Gebeten und Messfeiern in die Kapelle einzuladen», sagt Vetsch. Dadurch habe die Bevölkerung diesen besonderen Ort neu entdeckt.

Aufbrüche

In den letzten Jahrzehnten ist überall ein kontinuierlicher Auszug aus den traditionellen Kirchen zu beobachten. Hansruedi Vetsch ist überzeugt, dass vielen, die sich aus den Gemeinden zurückziehen, der Glauben weiterhin wichtig ist: «Sie fühlen sich aber nicht mehr in den traditionellen kirchlichen Strukturen zu Hause.» Er sieht in der Kapelle eine Chance, solchen Menschen eine neue Heimat zu bieten, einen Ort, an dem sie auf ihre Weise ihren Glauben leben können.

Inspiriert wird er dabei von den Ideen der Bewegung Fresh Expressions, die ihre Ursprünge in der anglikanischen Kirche hat. Sie ermutigt Menschen, nach eigenen lebensnahen Ausdrucksformen (fresh expressions) ihres Glaubens zu suchen und diese in Gemeinschaft zu leben. So ist es Hansruedi Vetsch wichtig, auf die Bedürfnisse der Menschen zu achten, die die Kapelle besuchen. «Als eines Tages zum Beispiel eine Kerze in der Kapelle stand, haben wir darauf reagiert, und eine Kerzenstation aufgestellt.» Für Blumen, die abgelegt wurden, wurden Vasen angeschafft. Auf den Wunsch hin, sich auch im Winter zu Andachten in der Kapelle zu treffen, liess der Stiftungsrat eine Sitzbankheizung einbauen. Spaziergänger mit Hunden würden es schätzen, so Vetsch, dass für ihren Vierbeiner draussen Wasser bereitstehe und sie ihn mit in die Kapelle nehmen könnten.

Engagement

Für den Theologen sind dies wichtige Zeichen, die signalisieren, dass man die Besucher mit ihrer Spiritualität ernst nimmt und wertschätzt. Dies scheint auch bei ihnen anzukommen. Denn ihre Zahl ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Dem Freundeskreis der Stiftung Bruderklausen-Kapelle gehören zwischenzeitlich über 100 Personen an. Das helle und einladende Gotteshaus ist heute mit Leben erfüllt: Neben dem stillen Gebet wird es regelmässig für ökumenische Andachten, Taizé-Gebete, Eucharistiefeiern, Hochzeiten, Konzerte und Vorträge genutzt.

«Interessant ist, dass sich auch immer mehr Menschen in irgendeiner Form für die Kapelle engagieren wollen», sagt Hansruedi Vetsch. So hätten sich Handwerker angeboten, die Kapelle unentgeltlich zu streichen, die Beleuchtung zu erneuern oder die Aussenbänke mit Holz zu versehen. Inzwischen hätte sich auch ein Kreis von etwa 25 Mitarbeitenden gebildet – Menschen, die Andachten leiten oder an einem bestimmten Wochentag in der Kapelle regelmässig nach dem Rechten schauen.

Dem Auftrag entsprechend

Hansruedi Vetsch ist dankbar für das Erreichte. «Heute erfüllt die Bruderklausen- Kapelle ihren ursprünglichen Auftrag», zitiert er Rita Fricker, eine langjährige Freundin der Stifterin. Gertrud Huber habe zwar die ökumenische Ausrichtung etwas enger – eben auf die beiden Konfessionen bezogen – verstanden, so Vetsch: «Wenn wir heute aber Ökumene als Sammlung der Spiritualität von Menschen interpretieren, deren Kirchenmitgliedschaft schon lange erloschen ist, ist dies eine zeitgemässe Weiterentwicklung ihres Anliegens.»

Ausserdem sei die Kapelle nun ein Ort, an dem Bruder Klaus in Erinnerung gerufen wird. Vor 600 Jahren suchten viele Menschen den Eremiten in seiner Klause auf, um sich von seinem Glauben und seiner Weisheit inspirieren zu lassen. Obwohl sie damals auch in die Kirche zu ihren Priestern gehen konnten. «Ähnlich wie zu jener Zeit ist die Bruderklausen-Kapelle ein Ort neben den christlichen Gemeinden, an dem man sich neue Kraft für seinen Glauben holen kann», erklärt der Gemeindepfarrer. So ist die Saat aufgegangen, die Gertrud Huber unermüdlich gepflanzt hat, und trägt nun Früchte. Schade nur, dass sie es selber nicht mehr erleben konnte.

Detlef Kissner

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Ökumenische Feier

Als Zeichen der Einheit begehen die evangelische und die katholische Kirche in der Schweiz gemeinsam einen Gedenktag anlässlich der beiden Jubiläen «600 Jahre Niklaus von Flüe» und «500 Jahre Reformation». Er steht unter dem Motto «Gemeinsam zur Mitte» und findet am Samstag, 1. April 2017, in Zug statt. Es stehen ein Gottesdienst, verschiedene Referate, Gesprächsrunden und Musikdarbietungen auf dem Programm.

Nähere Infos: www.mehr-ranft.ch/agenda

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Die Bruderklausen-Kapelle liegt auf einer Anhöhe, am Stadtrand von Frauenfeld.

Bild: Detlef Kissner
Pfarrer Hansruedi Vetsch vor dem Kreuz der Bruderklausen-Kapelle.

Bild: zVg
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