Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 4

Falsch-Nachrichten sind Gift für Demokratie

Wie Medien mit der Wahrheit umgehen

Die etablierten Medien werden als «Lügenpresse» beschimpft. Der US-Wahlkampf scheint durch massive Verbreitung von Falsch-Nachrichten in den sozialen Netzwerken beeinflusst worden zu sein. Und die neue amerikanische Regierung scheut sich nicht, die Wahrheit zu «verbiegen». Welche Entwicklungen zeichnen sich in der Medienlandschaft gerade ab? Wohin führen sie? Und wie kann man sich noch verlässlich informieren? Der Medienpädagoge Thomas Merz gibt Antworten auf diese Fragen.

Was ist Wahrheit? Kann man objektiv und wahrheitsgetreu berichten?

Objektiv und wahr sind wohl zu hohe Ansprüche. Damit sind wir nämlich bei sehr schwierigen Fragen, mit denen sich die Philosophie seit Urzeiten auseinandersetzt. Im Journalismus herrscht ziemlich Einigkeit darüber, dass Wahrheit und Objektivität kaum zu erreichende Ansprüche für die Berichterstattung sein können. Ziel und Aufgabe des Journalismus ist viel mehr, sachgerecht, umfassend, sorgfältig, ausgewogen zu berichten. Dies ist sehr wohl möglich. So hat beispielsweise die Schweizerische Radio- Fernsehgesellschaft SRG publizistische Leitlinien mit hohem Anspruch – und interne Kontrollstellen, an die man sich mit Beschwerden wenden kann. Diese überprüfen, ob Beiträge in Radio und Fernsehen SRF diesen Ansprüchen genügen. Neben dem Willen, sachgerecht zu informieren, ist solcher Journalismus aber vor allem auch aufwändig und daher teuer.

Wie hat sich die Berichterstattung in Zeitungen, Radio und Fernsehen in den letzten Jahren entwickelt? Welche Bedeutung haben heute Bilder?

Da gibt es in den letzten Jahren mehrere wichtige Tendenzen. Seit den 70er-Jahren haben wir eine ausgesprochen starke Zunahme an Medienangeboten. Dabei ist wichtig: Vielfalt an Medien ist durchaus wertvoll. Konkurrenz fördert allerdings nicht automatisch Qualität. Denn Konkurrenz fördert primär das Bemühen um Aufmerksamkeit. Und hier zeigt sich deutlich: Es ist leider nicht Qualität, die die grossen Einschaltquoten bringt. Sondern es sind Emotionen. Das bedeutet dann eben: Konkurrenz fördert Emotionalisierung. Und genau das stellen wir in den letzten Jahren fest, einen deutlichen Trend zu Emotionalisierung. Dabei haben auch Bilder ihre Bedeutung, Schlagzeilen, Personalisierung usw. Statt dass man sich auf das Vermitteln von Fakten beschränkt, werden Geschichten immer wichtiger. ... bis dazu hin, dass plötzlich die Geschichten und Emotionen wichtiger werden als die Vermittlung von Informationen.

Was hat das für Auswirkungen?

Das führt zu einer verstärkten Boulevardisierung. Boulevardisierung meint im Kern: Es wird immer wichtiger, nicht die Inhalte zu bringen, die wirklich wichtig sind – sondern diejenigen, die interessieren. Das ist nicht immer dasselbe. Leider interessiert nicht immer, was für uns wichtig wäre – und leider ist oft nicht wichtig, was besonders interessiert. Drastisch verstärkt wird dieser Trend durch die zusätzlichen Angebote des Internet – besonders von Social Media. Die noch einmal um ein Vielfaches vermehrt verfügbaren Informationen verstärken den Trend zu Emotionalisierung. Medienbetriebe müssen mit ihren Angeboten um Aufmerksamkeit des Publikums kämpfen. Auch das geht oft auf Kosten von Informationsqualität.

Und schliesslich kommt in den letzten Jahren ein Trend dazu, dass in der politischen Meinungsbildung in zunehmendem Mass auch Falsch-Nachrichten als legitim gelten. Der Zweck – das politische Ziel – heiligt die Mittel. Das ist zwar historisch nicht wirklich neu, das gab es zu allen Zeiten der Menschheit – dass Falsch-Nachrichten in der Politik verwendet wurden. In Diktaturen ist das gang und gäbe, aber für moderne Demokratien sind Falsch-Nachrichten Gift.

Im amerikanischen Wahlkampf wurden über die sozialen Netzwerke gezielt solche «fake news» gestreut. Welche Wirkung haben sie entfaltet?

Eine genaue Wirkung ist natürlich nicht nachweisbar. Dazu spielen in einem solchen Wahlkampf zu viele Einflüsse eine Rolle. Wir beobachten aber, dass Falsch-Nachrichten oft ohne jede Prüfung geglaubt und weiterverbreitet werden. Auch die dümmsten Aussagen finden irgendwo im Internet noch Unterstützung. Auch vollkommen unglaubwürdige Skandalbilder und Nachrichten werden ohne Prüfung weiterverbreitet, wenn sie bloss dem eigenen politischen Ziel dienen. Der amerikanische Wahlkampf zeigte in einer völlig neuen Dimension, dass für viele Leute die wirklichen Fakten überhaupt keine Rolle mehr spielen. Man glaubt, was man glauben will. Gegen Fakten macht ein starkes Vorurteil immun. Neben konkreten Falschaussagen zu einem bestimmten Thema wird dadurch auch ein Klima des grundsätzlichen Misstrauens geschürt. Ich kenne viele Medienschaffende, die sehr sorgfältig arbeiten und sehr darunter leiden, dass sie pauschal unter den Vorwurf von «Lügenpresse» gestellt werden.

Wenn uns eine funktionierende Demokratie am Herzen liegt, muss uns das beunruhigen. Falsch-Nachrichten dürfen darum nicht toleriert werden. Freie Meinungsbildung muss auf der Basis von Fakten passieren, nicht indem man Fakten biegt oder falsche Tatsachen als richtig vermittelt.

Wie kann sich eine Gesellschaft gegen eine solche Einflussnahme wehren?

Ich sehe folgende notwendigen Konsequenzen: Wir müssen Lügen und Falschmeldungen ächten. Auch wenn politische Beeinflussung mit Falschmeldungen, Angstmacherei und blossen Gefühlen wirksam ist: Sie darf nicht legitimiert werden. Freie Meinungsbildung muss auf einer Basis stattfinden, dass wir uns um Fakten bemühen.

Es braucht zudem kritisches Bewusstsein. Wir müssen Informationen gegenüber stets kritisch sein, verschiedene Seiten hören, abwägen. Wir müssen davon ausgehen, dass insbesondere in Kriegen und Konflikten viele der Nachrichten, die wir hören, gezielt als Desinformation lanciert wurden. Und selbst wo sich Journalistinnen und Journalisten um sorgfältige Berichterstattung bemühen, bleibt kritische Auseinandersetzung stets wichtig. Bevor wir auf Social Media einen Beitrag weiterverbreiten, sollten wir uns stets fragen: Stimmt der sicher? Welchem Interesse dient dieser Beitrag? Auf welchen verlässlichen Quellen basiert er?

Wie kann man persönlich den Wahrheitsgehalt einer Nachricht in den sozialen Netzwerken und anderen Medien überprüfen?

Das ist tatsächlich nicht einfach. Hilfreich ist abzuklären, auf welchen Quellen der Beitrag beruht. Sind die Quellen überhaupt angegeben? Weiter ist die Frage: Wem dient ein Bericht? Wer profitiert davon, wenn er verbreitet wird? Verbreitet er eine wichtige Information oder dient er einfach dazu, Emotionen zu erzeugen? Wenn ein Beitrag Bilder enthält, kann man auch nach der ursprünglichen Bildquelle suchen. Oft werden Bilder in einem völlig anderen Zusammenhang wiederverwendet, die schon lange zuvor publiziert wurden. Weiter kann man danach suchen, ob eine Quelle verschiedene Sichtweisen berücksichtigt oder ob sie nur immer eine bestimmte politische Richtung bevorzugt.

Wem vertrauen Sie mehr – den öffentlichen Medien oder den sozialen Netzwerken?

Das kann man so nicht sagen. Qualitätsmedien bemühen sich sicher um korrekte Berichterstattung. Aber auch sie sind nicht geschützt davor, Falschmeldungen weiterzuverbreiten, die sie selbst erhalten. Insbesondere bei sozialen Netzwerken ist es aber noch viel schwieriger, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Hier werden noch viel häufiger einfach Meldungen publiziert und weiterverbreitet, die einem bestimmten politischen Ziel dienen – unabhängig von jeder Überprüfung. Ich vertraue daher vor allem denjenigen Medien, die ihre Quellen offenlegen und die politisch unabhängig sind. Von entscheidender Bedeutung halte ich daher beispielsweise in der Schweiz, dass wir den SRG-Medien weiterhin die finanzielle Grundlage bieten, um sorgfältigen, fundierten Journalismus zu betreiben.

Die Trump-Regierung setzt der Berichterstattung der öffentlichen Medien «alternative facts» entgegen, in denen die Wahrheit offensichtlich bewusst verdreht wird. Was verändert sich gesellschaftlich, wenn selbst staatliche Instanzen die Hemmung verlieren zu lügen?

Das dürfen wir auf keinen Fall hinnehmen. Der Begriff «alternative facts» ist nichts anderes als ein Schönreden von Lügen. Man kann nicht ausschliessen, dass im politischen Prozess Falschinformationen genutzt werden. Aber wir dürfen das nicht leichtfertig tolerieren. Es besteht ein Unterschied zwischen Zuspitzung und Emotionalisierung im Meinungsbildungsprozess und bewusster Verdrehung von Fakten. Auch wenn wir im Einzelfall nicht immer beurteilen können, welche Informationen korrekt sind: Es darf nicht sein, dass wir dies als legitimes Mittel in einer modernen Demokratie betrachten. Ich habe im Thurgauer Kantonsparlament erlebt, dass man intensiv diskutiert, fair gestritten und um politische Lösungen gerungen hat. Aber dies fand auf einer Basis statt, dass man sich um wirkliche Fakten bemühte. Das macht Demokratie aus.

Wie kann man gesellschaftlich und politisch diesen Entwicklungen entgegenwirken?

Wir sind alle betroffen. Als Nutzerinnen und Nutzer von Social Media können wir beeinflussen, was wir selbst vertreten und was wir weiterverbreiten. Von zentraler Bedeutung ist zudem, Schülerinnen und Schüler darin zu unterstützen, sich fundiert eine Meinung über wichtige gesellschaftliche Themen zu bilden und kritikfähig zu werden. Und als Bürgerinnen und Bürger sind wir Teil einer lebendigen Demokratie, haben die Aufgabe, Entscheidungen für die weitere Entwicklung zu fällen. Das kostet Zeit und Engagement – aber billiger ist direkte Demokratie nicht zu haben ...

Interview: Detlef Kissner

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Prof. Dr. Thomas Merz ist Prorektor Forschung und Wissensmanagement und Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Thurgau.

Bild: zVg
Nachrichten, die einen über Social Media erreichen, sind mit Vorsicht zu geniessen. Sie werden oft ungeprüft geteilt.

Bild: pixabay.com
Untersuchung des Absturzes des Fluges MH-17 über ukrainischem Kriegsgebiet im August 2014: Die Informationen über dieses Unglück widersprechen sich.

Bild: Verteidigungsministerium der Niederlande
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