Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 22

Sich fragen, wer man ist

Ein Film über Menschen, die für Sterbende da sind

Über drei Jahre hat Thomas Lüchinger an seinem Film «Being there – Da sein» gearbeitet. Er porträtiert darin vier Sterbebegleiter und deren Umgang mit Sterben und Tod.

Warum gerade ein Film über das Sterben, eines der grossen Tabu-Themen unserer Gesellschaft?

Das Sterben und der Tod meiner Mutter haben bei mir viel ausgelöst: Da waren natürlich zunächst mal der Schmerz des Abschiednehmens und des Verlustes. Gleichzeitig wurde ich mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Als Sohn realisiert man: Jetzt bin ich der nächste in der Linie, der eigene Tod rückt ein Stück näher. Ich habe mir Gedanken über mein bisheriges Leben gemacht. Gleichzeitig beschäftigte mich die intensive Erfahrung, die ich am Sterbebett meiner Mutter gemacht hatte. Es war kein überraschender Tod, meine Mutter und meine Geschwister haben das Ende kommen sehen. Wir konnten uns darauf vorbereiten, die letzten Fragen klären. Ich hatte das Glück, mich von ihr verabschieden und sie in ihren letzten Stunden begleiten zu können. Wer so etwas erlebt, stellt sich die Frage: Wie wird es sein, wenn ich sterbe? Wer wird mich beim Sterben begleiten?

War der Film für Sie eine Art Trauerarbeit?

Am Anfang von jedem Film steht bei mir der Wunsch, etwas zu lernen. Jeder Film ist ein Lernprozess, bei dem ich Einblicke in eine andere Welt bekomme und mir neue Erfahrungen, neues Wissen aneigne. Ich habe mich intensiv mit dem Thema «Sterben» beschäftigt, viele Bücher gelesen und auch Hospize in der Schweiz besucht. Aber zunächst hat sich etwas in mir gesträubt: Du kannst doch keinen Film über das Sterben machen, das ist viel zu intim.

Ich bin dann in die USA gereist und habe mich dort zum Sterbebegleiter ausbilden lassen. Dabei habe ich Sterbebegleiter aus der ganzen Welt kennengelernt und so wurde das Projekt konkreter. Mir wurde bewusst, wie wichtig es ist, dass wir wieder anfangen, mehr über Sterben und die Endlichkeit zu sprechen.

Die religiöse Dimension wird in Ihrem Film nur ganz am Rande angesprochen.

Es war nicht meine Absicht, einen Film über die Frage «Was kommt danach?» zu machen. Ich wollte den Fokus ganz auf den Sterbeprozess, aber nicht auf die Hospizarbeit, sondern auf die Menschen richten, die für die Sterbenden da sind und die letzten Tage und Stunden an ihrer Seite sind. Die kostbare Qualität dieses «Daseins» sollte als etwas Zentrales rüberkommen. Was sind das für Menschen, die Sterbende begleiten und was lernen sie durch diese Tätigkeit? Der Film soll auch sichtbar machen, dass Sterbende noch nicht tot sind: Wir leben bis zum letzten Augenblick. Und auch das Sterben ist nicht nur ein Augenblick, sondern ein Prozess, in dem noch sehr viel passieren kann. Sterben ist ein Teil des Lebens. Der Tod kommt erst danach.

Trotzdem: Viele wünschen sich heute einen schnellen Tod.

Mich beschäftigt noch eine andere Tatsache: Bei Umfragen geben neunzig Prozent der Befragten an, zuhause sterben zu wollen. Die Realität sieht heute jedoch ganz anders aus. Warum ist das so, woran liegt das? Liegt es an den Kosten der medizinischen Betreuung? Oder schieben wir das Thema so lange hinaus, bis es zu spät ist, wenn wir auf fremde Hilfe angewiesen sind? Oder liegt es daran, dass es bei uns zu wenig Menschen gibt, die für Sterbebegleitung ausgebildet sind?

Alcio Braz, der Protagonist aus Brasilien, merkt im Film an, dass unsere Gesellschaft wieder eine «Ars moriendi» einüben muss, so wie das im Mittelalter verbreitet war. Wie könnte das konkret aussehen?

Durch die Arbeit an «Being there» ist mir bewusst geworden: Die «Ars Moriendi» ist ganz eng mit der Frage der eigenen Lebenshaltung und -gestaltung verbunden: Woran orientiere ich mich in meinem Leben? Woran hängt mein Herz? Lebe ich für den Erfolg, für das Materielle? Gelingt es mir, ich selber, authentisch zu sein? Das ist auch eine der Kernaussagen von Elisabeth Würmli, der St. Galler Sterbebegleiterin, in meinem Film: Die ehemalige Kantonsschullehrerin, die selber lange in diesem Karriere-Hamsterrad gefangen war, appelliert, sich ganz ehrlich der Frage zu stellen, wer man ist. Ich bin selten einer Person begegnet, die so authentisch ist und in ihrer Aufgabe als Sterbebegleiterin voll und ganz ihre Berufung gefunden zu haben scheint. Ich erachte es als ein Manko, dass die Themen «Sterben» und «Endlichkeit» in unserem Bildungssystem so stiefmütterlich behandelt werden. Es braucht ein neues Bewusstsein, dass wir eigentlich nichts besitzen, nicht einmal unseren Körper. Sehr prägend waren dabei für mich auch die Aufnahmen in Nepal.


Diese Szenen wirken beim Zuschauer noch lange nach.

Ich wollte das buddhistische Verbrennungsritual filmen. Doch das hat mich einiges an Überwindung gekostet. Eine unvorstellbare Hitze, der beissende Geruch. Doch für die Menschen in Nepal ist es ganz alltäglich, diesem Ritual beizuwohnen. Ich habe sogar eine Kindergartenklasse gesehen, die mit ihrer Lehrerin anwesend war und das in aller Selbstverständlichkeit. Tod und Sterben sind ein fester Teil des Alltags. Da haben wir hier Nachholbedarf. Ein Beispiel dazu: Ich hatte noch nie so grosse Mühe, Finanzierungspartner für einen Film zu finden wie bei diesem Projekt.

Was wollen Sie mit Ihrem Film erreichen – mehr Anerkennung für die Arbeit der Sterbebegleiter, mehr Bewusstsein für die Endlichkeit?

Ich habe den Film bereits in einer Testvorführung dem Publikum gezeigt. Nach der Vorführung haben die Zuschauer intensiv miteinander über den eigenen Umgang mit Sterben und Tod diskutiert. Zum ersten Mal seit langem, wie manche in ihren Rückmeldungen betont haben. Ich habe nicht den Anspruch, die Angst vor dem Sterben zu nehmen. Das wäre wahrscheinlich auch nicht möglich. Mit dem Film möchte ich den «unsichtbaren Heldinnen und Helden unserer Gesellschaft», den Sterbebegleitern, ein Denkmal setzen: Unsere Gesellschaft ist sich viel zu wenig bewusst, was für eine wertvolle Arbeit sie leisten. Es wäre schön, wenn der Film den einen oder anderen sogar motiviert, sich in der Sterbebegleitung zu engagieren. Es ist eine bereichernde und kostbare Aufgabe.

Interview: Stephan Sigg

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■ Der Film «Being there – Da sein» wird am 18.11. um 17:30 Uhr im Roxy Kino Romanshorn gezeigt. Weitere Infos unter www.being-there.ch

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Regisseur Thomas Lüchinger richtet den Fokus auf Menschen, die für Sterbende da sind.

Bild: Anastasia Kontoulis
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