Pfarreiblatt der Bistumskantone
Schaffhausen und Thurgau
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Ausgabe Nr. 4

Ein Kühlschrank im Freien

Wie funktioniert eine RestEssBar?

Sie sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen, die RestEss-Bars – Initiativen, die versuchen, übrige Nahrungsmittel vor der Mülltonne zu retten, um sie noch an die Frau und an den Mann zu bringen. Seit acht Monaten gibt es auch eine RestEssBar in Schaffhausen, die gut angenommen wird.

Schilder führen einen zum Herzstück der RestEssBar Schaffhausen, dem Kühlschrank. Er befindet sich im Garten des Alterszentrums Kirchhofplatz. «Dieser Platz ist ideal. Er liegt sehr zentral», findet Susanna Hablützel, ein Mitglied des fünfköpfigen, gleichberechtigten Vereinsvorstands. Sie öffnet das Schloss und die Tür des Kühlschranks und weist auf die Kürbisse hin, die hier ein Helfer deponiert hat. Daneben befindet sich ein Kasten für Backwaren, ebenfalls mit einem Schloss gesichert. Beide Behälter werden von Helferinnen und Helfern mehrmals pro Woche mit Lebensmittel befüllt, die sie bei Bäckereien und Gemüseständen auf dem Wochenmarkt einsammeln oder von Privatpersonen erhalten. Es handelt sich nur um unverarbeitete Lebensmittel und solche, die keine ununterbrochene Kühlkette benötigen, also Obst, Gemüse, Brot und andere Backwaren.

Von hier kann sie jeder unentgeltlich abholen, der Verwendung dafür hat. Er benötigt dazu lediglich den Code des Schlosses, den er anonym über das Internet oder auf dem Sozialamt erfährt. «Die RestEssBar ist grundsätzlich für alle offen, der soziale Aspekt ist dabei zweitrangig», erklärt Susanna Hablützel.

Vorbild Winterthur

Der achtsame Umgang mit Lebensmitteln ist für Susanna Hablützel selbstverständlich: «Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Da gab es jede Woche einmal ein Reste-Essen.» Von daher beschäftigte sie schon längere Zeit die Frage, wie sich die Verschwendung von Lebensmitteln reduzieren lässt. Als sie vor anderthalb Jahren von der RestEssBar in Winterthur erfuhr – der ersten in der Schweiz – war sie begeistert von dieser Idee. Sie informierte sich mit einer Nachbarin vor Ort, suchte in ihrem Bekanntenkreis und auf Facebook nach Gleichgesinnten und gründete mit ihnen einen Verein.

Nachdem sie beim Lebensmittelamt die notwendige Genehmigung eingeholt hatten und ein geeigneter Standort für den Kühlschrank gefunden war, konnte die RestEss-Bar im Mai letzten Jahres starten. «Die Initiative wird inzwischen von über 25 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern mitgetragen», sagt Susanna Hablützel. Wertvolle Anregungen und Unterstützung erhielten sie auch vom Dachverband, dem die verschiedenen RestEssBars und ähnliche Lebensmittel-Initiativen angehören.

Nichts bleibt übrig

Die neue Idee kommt in Schaffhausen gut an. «Wir erhalten durchweg positive Rückmeldungen, vor allem auf unserer Facebook-Seite», sagt Hablützel. Auch der Kreis der Lebensmittelhändler, die den Helfern zum Teil mehrmals pro Woche ihre überschüssige Ware überlassen, sei kontinuierlich gewachsen. Besonders stolz ist Susanna Hablützel darauf, dass auch eine COOP-Filiale zu ihren Lieferanten zählt: «Wir sind damit Vorreiter.» Als Konkurrenz zu Tafelläden sehe sie ihr Projekt nicht, da diese ihre Artikel ja vor allem von den grossen Verteilzentren erhielten und nur mit Bezugskarten abgeben.

Und wie wird das Angebot genutzt? «Es bilden sich zum Teil Schlangen vor dem Kühlschrank», berichtet die junge Frau. Der Brotkasten und der Kühlschrank werden – abgesehen von einzelnen Tomaten mit Druckstellen – immer geleert. Hier und da entstehe sogar etwas Neid unter den «Restessern» wie die Kunden der RestEssBar auch genannt werden. Susanna Hablützel sieht dies mit Gelassenheit: «Es menschelt eben überall.»

Verhalten ändern

Trotz des guten Erfolges will Susanna Hablützel noch mehr erreichen: «Mit der Weitergabe von Lebensmitteln bekämpfen wir nur Symptome, nicht aber die Ursachen der Lebensmittelverschwendung.» Ihr wichtigstes Ziel ist es, mit ihrer Initiative Menschen zum Nach- und Umdenken zu bringen und deren Umgang mit Lebensmittel zu verändern. Dies möchte sie z. B. mit einem Rätsel erreichen, das man zukünftig lösen soll, um den Code zum Kühlschrank zu erhalten. Auch mit Veranstaltungen am Welternährungstag (16. Oktober) möchte ihr Verein und die übrigen Mitglieder des Dachverbandes Aufklärungsarbeit über Nahrungsverschwendung leisten.

Eine gute Werbung für ihr Anliegen ist auf jeden Fall der Schaffhauser Ambassador-Preis, den ihr Verein am 23. Februar verliehen bekommt. Die Initiatoren der RestEssBar freuen sich darauf.

Detlef Kissner

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Susanna Hablützel vor dem Kühlschrank, in dem Lebensmittel ihren Besitzer tauschen.

Bild: Detlef Kissner
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